Es folgt der dritte Teil meiner Social Media Betrachtung. Mehr und mehr wird mir klar, dass es sich nicht um eine Social Media Betrachtung handelt als viel mehr um eine Betrachtung der Kommunikation. In Teil 1 versuchte ich darzustellen, wie klassisch im sozialen, sprich menschlichen Umfeld kommuniziert wurde. Teil 2 widmet sich der Abgrenzung von Web 2.0 vs. Social Media. Im dritten Teil möchte ich näher auf die Problematik eingehen, die ich im ersten Teil als These gestellt habe:
“Im Überfluss der geposteten Daten auf allen Social Media Plattformen besteht der Haupteil meiner Zeit darin, diese Daten zu bewerten, zu sortieren und die Relevanz abzuschätzen. Ersaufen an der Oberflächlichkeit.“
Social Networks sind restriktiv und beschränkt
Das Internet war lange Zeit ein Ort, an dem alle Informationen allen zugänglich waren. Mit dem Aufkommen der Social Networks endete diese Barrierefreiheit. Inhalte auf Social Media Plattformen wie Facebook oder Xing kann ich nur sehen, wenn ich mir einen Account bei diesen Netzwerken anlege. Der Betreiber des Netzwerkes nutzt die Informationen dieses Accounts um seine Mitglieder besser zu kennen, bzw. kennen zu lernen und sie mit zielgerichteten Hinweisen, aka Werbung zu beschallen. Bei diesen Betreibern handelt es sich definitiv nicht um Altruisten, die der Menschheit einen Gefallen tun wollen, indem sie uns ermöglichen uns zu vernetzen und uns auszutauschen. Sie bieten uns diese Möglichkeiten zwar an, wollen damit aber eine Abhängigkeit von ihren Angeboten schaffen, so dass wir mehr Zeit dort verbringen und so tendenziell anfälliger für die von den Betreibern angebotenen Werbungen sind, als wenn wir weniger Zeit dort verbringen würden. Je mehr Menschen, Freunde, Gruppen und Apps in diesen Plattformen zu finden sind, desto mehr Information ist für den einzelnen abrufbar und man muss weniger auf das “freie”, das “wilde” Internet ausweichen. Extremes Beispiel ist das Einbinden von externen Inhalten, wie YouTube Clips, die in Facebook abgespielt werden können. So vermeidet der Betreiber, dass der Kunde (das Mitglied) die schützenden Seiten verlassen muss.
Nur wenige Mitglieder sind wirklich aktiv
Wenn ich mir meine Pinnwand ansehe und betrachte wie viele meiner ca. 300 Freunde auf Facebook aktiv Inhalte posten, sehe ich 10% täglich Postings veröffentlichen, 20% wöchentlich und eine Gruppe von 60% die so gut wie nie Postings abgibt. Heißt dies, diese Personen sind nicht unterwegs? Nein, Gespräche mit diesen Personen lassen eher den Schluss zu, sie haben keine Lust irgendwas zu posten, bzw. einfach ein reales Leben haben, dass ihnen nur bedingt die Zeit zum Posten lässt. Dennoch sehen sie regelmäßig (fast täglich) auf den entsprechenden Seiten nach, was im Bekanntenkreis so passiert.
Um die Gruppen zu bennen möchte ich folgende Einteilung vornehmen:
1. Gruppe: 10% täglich Poster: Einsamen
Trotz Smartphone und der Möglichkeit ständig posten zu können, sind tägliche Postings ein Zeichen von Einsamkeit und Minderwertigkeitskomplexen. Der Großteil der Postings beschränkt sich auf die Weitergabe von Inhalten, die man sich zuvor irgendwann auch mal angesehen haben muss. Selbst wenn ich just in diesem Moment ein super witziges Video von einem Bekannten zugesendet bekomme, muss ich es mir ansehen bevor ich es weiterverteilen kann. (Oder mache ich hier etwas falsch?) Ständiges Posten lässt für mich den Schluss zu, es mit einem Supermultitasker zu tun zu haben, der entweder die ganze Zeit allein vor seinem Rechner klammert um die Fundstücke die er gerade wieder entdeckt hat zu verteilen. Oder aber mit anderen Personen irgendwo zu Gange ist, diese Personen aber so langweilig und uninteressant findet, dass er seinen ganzen “coolen” Freunden und Followern im Netz seine Cool- und Hipness beweisen muss. Die Königsdisziplin ist, und für diesen Ausdruck bin ich einer Leserin dankbar welche ihn mir auf den ersten Post zugeworfen hat, Vaguebooking: Die Abgabe von Statusmeldungen, die ein Rückfrage der Freunde erfordern, à la: “Frage mich, ob es das wert ist?”. Reaktionshascherei, um das Gefühl zu erhalten, nicht allein zu sein.
2. Gruppe: 20% weekly Poster: Narzissten
Dieser Gruppe rechne ich all die Personen zu, die die Plattformen zur Selbstdarstellung (oder wie kürzlich gelernt: Authenzitätspornographie) nutzen. Diese Personen posten Beiträge wie: “Schon wieder 14 Stunden im Büro verbracht.” oder “Im Hotel XYZ eingecheckt, fühl mich hier schon fast zu Hause.”, am allerliebsten sind mir die Meldungen über Flughäfen. “Stehe am Flughafen XYZ.” Dazu kommen noch Aussagen zu aktuellen politischen Ereignissen, die die eigene Universalgelehrtheit verdeutlichen soll. Alles was damit ausgedrückt werden soll ist die eigene Wichtigkeit und dies muss mit allen Personen, die mich kennen geteilt werden, damit diese wissen was für eine wichtige Persönlichkeit ich bin. Dort sieht man auch die stärkste Verschmelzung zwischen Beruf und Person. Die vollständige Identifikation mit der Tätigkeit. Ein Leben für den Job. Leider missachten diese Personen das fehlende Interesse von ihren Freunden an Jobthemen. Ich für meinen Teil will den Menschen und nicht nur sein Profil.
3. Gruppe: 60% selten Poster: Realos
Realos sind für mich die Guten. Die Menschen, die das Leben ausserhalb der Displays kennen. Die eine Sozialisation haben, die über das Digitale hinaus geht. Sie versäumen nichts, da sie sowieso kontaktiert werden, wenn sie jemand dabei haben will und sind nicht gezwungen auf jeden Hinweis in ihrem Netzwerk aufzuspringen um zu bewerten ob oder was sie versäumen. Sie versäumen nichts. Dies ist für mich die wirkliche digitale Boheme. Das Digitale als Werkzeug genutzt um nicht als Werkzeug fürs Digitale zu enden.
Ich selbst muss mich ehrlicherweise den Gruppen 1 und 2 zurechnen. Sozusagen der einsame Narzisst. Aber ich gelobe Besserung. Ich werde versuchen nicht mehr so viele Menschen mit eigentlich irrellevanten Themen zu penetrieren und wieder mehr aufs menschliche zu setzen.
Leider wird die Abhängigkeit mancher Menschen von diesen Plattformen auch von Firmen und Organisationen durchschaut. Deshalb werde ich im nächsten Teil tiefer darauf eingehen, wie Firmen versuchen ihre verlorenen Kunden mit Social Media wieder einzufangen.
July 3rd, 2010 - 11:52
Mir fallen eben noch ein paar Themen auf, die ständig hochgebracht werden um die umfängliche Ahnung des Einzelnen, Narzissten zu zeige. Aktuell Wetter und Fußball. Ansonsten immer gerne Sport und die Folgen.