Meine zweite Station führte mich als aufstrebender Werbefachmann direkt in eine der Top-Agenturen dieser Erde. Art Director, verantwortlich für einen der wichtigsten Kunden. Eine große Brauerei. Der Frühling kündigte sich an und eine neue Kampagne wollte geschmiedet werden. Der Frühling des Sports. Der Zeitgeist schrie nach fitten, aktiven und gesunden Produkten.
Das Jahr des Kletterns. Klettern entpuppte sich nach und nach in allen Gesprächen der Marketingavantgarde als Top-Smalltalk-Thema. Wer etwas auf sich hält spielte letzes Jahr Squash und klettert jetzt. Nachdem mich nach den späten Abenden in der Agentur niemand mehr ins “Normalo-Fitnessstudio” begleiten wollte, hängte ich mich ihnen an. An die Wand. Der Erfolg berauschte. Innerhalb kürzester Zeit enorme Fortschritte. Gestern nicht mal die Babyrouten geschafft, nach vier Wochen hänge ich schon Überkopf an der Decke. Ohne Sicherung. Nicht weil ich ein sonderlich tollkühner Held bin, sondern eher aus dem Grund, dass es keine Kurse in den großen Hallen gab. Der Trend füllte die Kurse zum richtigen Sichern lange im voraus. Zu allem Überfluss zu Zeiten, an denen der normale Spießbürger seinen Bürosessel vielleicht verlassen hat, nicht aber der aufstrebende Stern am Werberhimmel mit seinen Kollegen. Also blieb uns nur das Bouldern. Bouldern bedeutet Klettern ohne Sicherung, in Höhen bis ungefähr drei Meter unten gesichert durch weiche Schaumstoffunterlagen. Solange man beim Fallen nicht wieder an die Kletterwand oder auf einen “Mitspieler” knallt, der es sich unten auf der Matte bequem gemacht hat, ist es relativ risikoarm.
Mir ist noch nie etwas passiert.
Eines Abends, nach erfolgreichem Kletterexperiment saß ich noch in der Halle mit meinem isotonischen Trendgetränk und dachte über die nächste Kampagne für meinen Kunden nach. Im besagten Frühling des Sports.
Ich verabscheue isotonische Getränke und hatte eigentlich viel mehr Lust auf ein Bier. Da kam mir die Idee. Klettern und Bier kombinieren. Anstatt Kreide in der Chalkbag eine Flasche Bier. Die Route hoch, mit viel Atmogeräusch das Anstrengung symbolisiert, oben am Ziel angekommen, die Flasche Bier am letzen Griff beherzt geöffnet. Noch im Hängen getrunken.
Dazu der Slogan: “Wir haben es uns verdient.”
Ich konnte fast die ganze Nacht nicht schlafen. Am nächsten Morgen war ich der erste im Büro um die Idee auszuarbeiten. Die Kollegen begeistert. Termin beim Kunden, zur Präsentation. Gekauft.
Also ran an den Dreh des Werbefilms. Bei der Ortsbegehung hatten wir den künftigen Akteur noch nicht dabei. Für den ersten Test schwang ich mich eigenhändig in die Wand. Mit Flasche. Oben angekommen, am letzten Griff die Flasche geöffnet, geleert, ich habs mir verdient. Flasche fallengelassen und selbst die Hände von der Wand gelöst. Kurzer Fall und ein unmöglicher Schmerz beim Aufprall. Mir wird schwarz vor Augen.
Ich erwache benommen in einem weißen Zimmer. Ich erkenne an den angeschlossenen Gerätschaften und an der Tapete, dass es sich hier um ein Krankenhaus handelt. Eine Schwester kommt ans Bett und fragt mich wie es mir geht. Erschöpft nicke ich, bevor ich wieder hinwegdämmer. Beim nächsten Erwachen steht ein Arzt bei ihr und die beiden unterhalten sich flüsternd. Ich sehe mich um. Sie bemerken, meinen Zustand und kommen näher. “Was ist passiert?”, ich erkenne meine eigene Stimme nicht mehr. “Sie müssen jetzt sehr stark sein”, sagt der Arzt, “Sie hatten einen schweren Unfall.” Selbst in diesem Zustand zwingt mir diese Auskunft ein Lächeln auf die Lippen. Ich bin mir durchaus bewußt so ein Zimmer nie freiwillig aufzusuchen. “Sie sind beim Klettern abgestürzt und haben eine Fraktur des pars lumbalis erlitten. L4 ihrer Lendenwirbelsäule wurde zerstört. Sie werden nie wieder laufen können. Sie sind querschnittsgelähmt.”
Die Brauerei konnte auf Grund dieser Kampange ihren Umsatz um 7% steigern. Die Kampagne gewann beim darauf folgenden Cannes Lions International Advertising Festival einen Löwen. Die beste Kampange meines Lebens.