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Yuppies in Urbanity

Die digitale Gesellschaft

March 14th, 2011 written by moritz

Der Eine oder die Andere, der nicht so zahlreichen Leser dieses Blogs wird vermutlich festgestellt haben, dass die Häufigkeit der Artikel in letzter Zeit zurückgegangen ist. Es liegt weniger an fehlender Inspiration, eher an fehlendem Interesse einer Gesellschaft anzugehören, einer Gesellschaft, die sich als digitale Boheme, digital Natives oder digitale Avantgarde bezeichnet:

“In einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt,
in einer Gesellschaft, wie dieser bin ich nur im Weg.”

Den Nerd- und Geekismus als höchst anzustrebendes Ideal ausgelobt und stolz die Insignen zu tragen: Bart, Hornbrille, und Karohemd. Um nicht zu oberflächlich zu erscheinen, will ich erst mal meine These in den Raum stellen.

Die Geeks sind die Reinkarnation der Ökos der 80iger

Wie ich darauf komme? Rand und Splittergruppen, die sich aufmachen, die Mitte der Gesellschaft zu übernehmen oder zumindest zu bewegen. Bewusstsein schaffen, welches früher nicht vorhanden war und Argumentationslinien aufgreifen, die für den überraschten Ersthörer  verlockend und nachvollziehbar klingen.  Weshalb sind die Argumente all zu oft verlockend und nachvollziehbar? Weil sie in erster Linie auf eine gelernte Kultureigenschaft zurückgreifen, nach der dem geschriebenen Wort ein höherer Stellenwert einzuräumen ist, als dem Gesprochenen. Ich kann die Wertigkeit nicht abschließend beurteilen und möchte den vielen wertvollen digitalen Publikationen auch keine Qualität absprechen. Im Gegenteil. Erschrecken sind für mich meist die obskuren Antworten und Diskussionen innerhalb von Kommentarfeldern bei jeglichen digitalen Veröffentlichungen, bei Twitter und ganz speziell in meinem Facebook-Stream. Dort wird munter über Guttenberg, Atomkraft, Demokratie und den Islam diskutiert. Da in diesem Stream aber alle Teilnehmer, Freunde oder zumindest Bekannte von mir sind, weiß ich eines ganz genau. Darunter verstecken sich einige wenige Doktorväter, die keinen Beitrag zu den Diskussionen geliefert haben, eine Atomkraftfachkraft, die auch noch keinen Kommentar zu den aktuellen Vorgängen abgegeben hat und ca. 40 Moslems, die auch nicht viel zu vermelden haben. Personen, die durch die Vorgänge der letzten Wochen und Monate eigentlich persönlich ein Interesse an Mitteilung haben sollten.

Aber nein, sie sind still. Stattdessen schwingen sich die selbsternannten neuen Herrscher der Welt auf, diese mit ihren erbärmlichen, haltlosen und hoch propagandistischen und ketzerischen Parolen und Ansichten zu penetrieren. Ihr, die Meister der Prokrastination, könnt ihr nicht ausnahmsweise mal das nächste Posting vergessen? Eure Parole überdenken, die Egowelt  kurz verlassen und mit Hilfe der Empathie den Gedankensprung wagen eure wunden Punkte aufzudecken? Die von anderen ebenso verletzt werden könnten, wenn eure Gesellschaftsgruppe der ihr euch zuordnet, vielleicht sogar berechtigterweise angefeindet wird? Oder, und das ist eigentlich der häufigere und schlimmer Fall: unberechtigterweise verleumdet wird? Von irgendwelchen egozentrischen Rechthabern.

Stattdessen suhlt ihr euch im vermeintlichen Recht, welches ihr aus den “Like” Bekundungen eurer treuen Jubelperser ableitet. Das ist dann also Basisdemokratie. Ihr Demagogen.

Was hat das jetzt mit den 80igern und den Ökos zu tun? Auch diese hatten ihre Insignien: Jesuslatschen, Wollpulli und: es folgt eine für jeden erkennbare Parallele: Vollbart. Die Einstellung war die Gleiche. Friedfertigkeit und die beständige Geduld und das Vertrauen auf die eigenen Argumente mit dem absoluten Wahrheitsanspruch.  Hat sich die Geduld bewährt? Ja, sie sind salonfähig. Mit eigener, drittgrößter Partei ständig in den Parlamenten vertreten und ihre damalige Randerfahrungen als neue Geschäftsmodelle etabliert. Ob Bioladen, fair-gehandelter Kaffee oder die Ökoerlebnisreise. Kein Produkt, keine Dienstleistung für die sich nicht eine ökologisch sinnvolle Alternative etabliert hat. Toll.

Die Veränderungen sind eingetreten. Doch wie tief ist sie in der Gesellschaft tatsächlich verwurzelt? Ich behaupte, sie hat es nicht weit geschafft. Ein Luxusobjekt derer, die es sich leisten können. Öko, verkommen zum Statussymbol des nachhaltigen Lebens. Wer etwas auf sich hält ernährt sich gesund. Wer es sich nicht leisten kann, pfeift drauf und argumentiert: “Ich muss  aufs Geld schauen, und Bio ist so teuer.” Klar, vor allem wenn man beim Discounter vorm Regal steht und zwischen der grünen und der orangen Packung zu wählen hat. Insgeheim fällt keinem auf, dass es nicht das Ökologische war, welches sich durchgesetzt hat, sondern nur die Idee. Dieser Idee wurden die Produktionsprozesse der Etablierten übergestülpt und der zusätzliche Ertrag mit bestem Gewissen eingestrichen. Nicht alles was heute mit welch Ökosiegel auch immer als öko vertrieben wird, hat dieses Siegel tatsächlich verdient. Oder kann mir irgendjemand die Nachhaltigkeit von Ökoprodukten bei Lidl oder Schlecker erklären, wenn die dort Beschäftigten auf ein Mindestmaß an Grundrechten verzichten, oder verzichten mussten? Dort verschwindet für mich die Nachhaltigkeit und der ursprünglich altruistische Ansatz, verantwortungsvoll zu konsumieren driftet ins Obskure ab.

Doch das ist die Zustandsbeschreibung der Öko-Bewegung. Den Zustand der digitalen Elite habe ich oben beschrieben. Ich möchte einen furchtbaren Entwurf projizieren, den ich bei weiterer Vereinnahmung durch die Digitale befürchte:

Die digitale Schlangengrube:
Seit langem warte ich darauf, dass mich keine weiteren Freundschaftsanfragen bei Facebook mehr erreichen.  Der Zulauf nimmt weiter nicht ab. Daraus schließe ich, dass die Digitalisierung der Gesellschaft nicht abgeschlossen ist. Doch wer profitiert von diesem Zulauf? Ich persönlich nicht mehr. Die Bestätigung der Anfragen wird zu lästigen Pflicht. Der Inhalt meines Newsstreams wie oben skizziert wandelte sich die letzten Jahre von lustig, zu interessant, zu langweilig, zu nervig. Und nervig hätte ich vor sechs Monaten gesagt. Mittlerweile fehlt mir der passende Ausdruck. Leider trägt der Zulauf an Teilnehmern nicht nur mehr Menschen in die Netze, was ich grundsätzlich positiv bewerten. Nein, er trägt dies auch umgekehrt tiefer in die Gesellschaft. Der junge Nachwuchskellner zeigt dem Chef die unglaublichen Vorteile einer eigenen Facebookpage für die Kneipe auf. Kaum ist diese erstellt, lädt er all seine digitalen Freunde ein, diese Seite zu mögen. Und aus freundschaftlicher Verbundenheit folgen diesem Aufruf ein paar seiner Freunde und tun ihm damit vermutlich einen Gefallen. Nur ist diese freundschaftliche Verbundenheit höchst einseitig. In meiner Timeline erscheint dies als unfreundliche Verblödung. Und hier kann ich gerne auch den Haken zurück zu Twitter schlagen um Facebook nicht als alleiniges Übel der Assozialität stehen zu lassen. Der Großteil der Meldungen, welche ich auf all diesen Social Media Kanälen erhalte sind pure Plagiate und Wiederholungen. Am häufigsten dann, wenn große Ressonanz-Tsunamis durch das Netz wallen. Irgendeine These findet schon ihren Agitator der mit Hilfe seiner Jubelperser und Wiederkäuer den nächsten Shitstorm vom Zaun brechen wird. Was dies zur Folge haben wird?

Die Kreativität nimmt sich selbst die Luft zu atmen.

Schöne neue Welt.

One Response to “Die digitale Gesellschaft”

  1. Transparenz, Netzneutralität, Datensicherheit: Digitale Gesellschaft ist gegründet [UPDATED] | mindrockets

    [...] Auftakt der re:publica 2011, der größten deutschen Konferenz über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft in Berlin, gründet sich die gemeinnützige Digitale Gesellschaft. Mit der Idee wird das Ziel [...]

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