Schade das meine Zeit in der Großstadt erst nach der Erfindung des mobilen Musikabspielgerätes begonnen hat. Gab es vor dem mobilen Kassettenabspielgerät schon andere Geräte, die dem Individum die Möglichkeit gaben sich von seiner Umwelt bewußt zu distanzieren? Spätestens seit der Einführung dieser Geräte muss die Jugend begonnen haben sich abzukapseln von den alltäglichen Problemen der Hausfrauen und Arbeitnehmern im öffentlichen Verkehr.
Heute, da der Mensch als besten Freund nicht mehr den Hund, sondern das elektronische Geräte vorzuweisen hat kommt die Einsamkeit zurück in die Welt. Robinson auf seiner einsamen Insel hat sich einen Papagei gefangen, den er das Sprechen lehrte um nicht so einsam zu sein und Unterhaltung zu haben. Der Papagei als Symbol des mobilen Abspielgerätes. Der hat auch nur geplappert und nichts verstanden. Ähnlich wie heute die Geräusche aus den Kopfhörern der Jugend.
Über zehn Tage war ich Ausgestoßener. Seit Silvester lag mein Abspielgerät bei einem Freund. Seit gestern wieder in meinen Händen. Wie gut ich mich fühlte, als ich im Reisen wieder allein sein konnte. Keine Störung durch doofe Ansprachen der Nachbarn. Durch die einheitliche Uniformierung mit weißen Kopfhörern in Bussen und Bahnen zeigt man seinen Mitmenschen, bei fehlen dieser, ein verstärktes Kommunikationsbedürfnis. Plötzlich wieder Hausfrauen- und andere Probleme, die einem sonst votenthalten blieben. Ob das gut oder schlecht ist? Ich weiß es nicht. Die Selbstgestaltung der Beschallung hat zumindest den Vorteil, selbst Herr des Programms zu sein. Bei offenem Gehörgang ist die Gefahr groß, mutwillig aus den eigenen Gedanken gerissen zu werden. Ansprachen der Mitmenschen, solange sie nicht im Alkohlgeruch des Atems untergehen, sind dabei noch als geringstes Übel an zu sehen. Allerdings hege ich einen innerlichen Groll gegen den Erfinder der Lautsprecher für mobile Telefone. Ich kann ihm zwar neben dem Vorwurf der Erhöhung der umgebenden Mauer durch das laute hören von Gangster und Vulgär Musik durchaus auch ein verbindendes Element attestieren. Das verbindende Element der Zugehörigkeit zur Gruppe der gestörten Zwangsmithörer. Endlich wieder Diskussion und lamentieren über die Jugend von heute.
Das mobile Abspielgerät mit den Kopfhörern hat hingegen kein verbindendes Element. Solange wir von der schon skizzierten Einheitsuniformierung durch weiße “Accessories” mal absehen. Ansonsten ist der Mensch mit den Kopfhörern ein Curiosum. Stoischer Blick in die Ferne. Keine Ahnung was er hört. Das steinerne Gesicht gibt keine Auskunft. Fast gleich einer aus Wackelpudding geformter Skulptur. Wie lieb sind mir da die Leser. Ein Buch oder eine Zeitung geben zumindest ein bisschen Aufschluss über die Person. Ich muss nicht einmal zu genau hinsehen, geschweige den über die Schulter lesen. Oft zaubert mir schon der Umschlag ein Lächeln ins Gesicht. Wenn ich an dem erkenne das Buch gelesen zu haben und es ein Gutes war. Ansprechen werde ich die Person trotzdem nicht. Sie ist irgendwo anders. Ich auch. Im Gedenken der Lektüre. Auch ohne Knopf im Ohr.
Vielleicht kann ich mich davon trennen. Auf der anderen Seite bringt mir die Trennung zu den Hauptverkehrszeiten unter Schülern, Studenten und Arbeitnehmern herzlich wenig. Da die, die um mich stehen den Knopf haben wäre ich wieder allein. Einfach differenzieren. Ab und zu verzichten. Vielleicht macht jemand mit und irgendwann findet man auch im öffentlichen Verkehr wieder nette Gespräche.