Lonely People Talk A Lot

Yuppies in Urbanity

Die Geister die ich rief

February 8th, 2009 written by moritz

Kapitel 1

“Alle in einer Gesellschaft geschaffenen Werte werden entweder privat konsumiert oder für staatliche Aufgaben ausgegeben.”
(Götz Werner: “Einkommen für alle” Kapitel Ausgaben- statt Einkommensteuer, Seite 172: “Geld, Kapital, Einkommen und Konsum”)
Diese Aussage reduziert uns auf ein Minimum: Wir, die Gesellschaft, konsumieren.

Konsum bedeutet auswählen. Wir laben uns an der Vielfalt der produzierten Güter und zur Verfügung stehenden Dienstleistungen. Darüber definieren wir uns in der Gesellschaft. Damit grenzen wir uns von den einen ab und wollen bei den anderen dazu gehören. Oder auch frei aller Zugehörigkeit sein. Zum Ausdruck kommt es als erstes durch unser visuelles Auftreten. Die Kleidung und Haare die wir tragen. Auch das Haus, das Viertel, das Auto und die Anzahl der Urlaubsreisen sowie deren Exklusivität. Was davon macht man wirklich für sich? Ein ständiges Befüllen des eigenen Tagebuchs, des Lebenslaufs, des CVs um nach oben zu kommen, ohne zu wissen wo oben ist, außer vielleicht das es verdammt weit weg ist. Gesprächsrunden mit unseren ach so vielen Bekannten überstehen und statt von Angst und Gefühlen zu reden, lieber nur zu Reden. PR-Arbeit im eigenen Sinne zu betreiben.

Wir sind keine Selbstversorger mehr. Wir sind Fremdproduzenten und Fremdbezieher. Wir wählen oder produzieren das Produkt, dass zu bestimmten Kosten den höchsten Nutzen bietet und Profit verspricht.
Der Nutzen für den Konsumenten setzt sich aus unterschiedlichen Attributen zusammen. Der reine Nutzwert, sprich die Funktionalität die uns das Produkt bietet, den Status, sprich das Ansehen, das wir mit diesen Produkt auf dem Markt der Aufmerksamkeit gewinnen können. Der Status ist eng verknüpft mit der Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen und wird so auch als Erkennungszeichen genutzt um dazu zu gehören. Des Weiteren existiert der Zeitgeist. Produkte die gestern modern waren sind heute schon verpönt und morgen peinlich. Der Nutzen spiegelt sich auch in der Technologie wieder. Technologie steht für Fortschritt und geht eng mit dem Zeitgeist einher. Kann mir jemand erklären wieso ich nur noch UMTS-Karten bekomme, selbst wenn der eigentliche Nutzwert meines Mobiltelefons auch mit GSM-Karten erfüllt war. Ein weiteres Attribut des Nutzen ist der Wert der der Investition entgegengesetzt wird. Wie beständig ist die Anlage? Kann ich eventuell sogar auf spekulativen Gewinn setzen? All diese Attribute fließen in meine Entscheidung/Wahl beim Kauf ein.
Je nachdem wo ich meine Prioritäten setze entscheide ich mich für ein bestimmtes Angebot zum besten Preis.

Alleine diese Vielzahl, der individuellen Entscheidungsgrundlagen erschweren mir die Kaufentscheidung. Wieso soll ich mich noch in altruistischer Weise um das Wohl der anderen kümmern? Der Produzenten? Mir doch egal ob das Hemd aus einem Sweatshop in Asien kommt wo es von einer hochschwangeren Frau in brütender Hitze im Akkord eines zwölf Stunden Tages geschneidert wurde. Ich lebe hier. Sie lebt dort. Das hier ist meine Gesellschaft, ihr ist dort. Und dort ist das ganz normal. Was wäre, wenn diese Hinterhofschneider und Menschenschindereien nicht im Sweatshop am anderen Ende der Welt wären, sondern hier, gegenüber meiner Wohnung, jeden Morgen, wenn ich mit meinem frischen Latte Machiatto ausgeschlafen am Fenster stehen würde und mich auf meinen acht Stunden Arbeitstag im klimatisierten Büro vorbereite, schrie mir diese Hinterhofschneiderei entgegen: “Hilfe, ich quäle mich für uns.” Für meinen Wohlstand und ihr Brot.

Die Entfernung zwischen Produzenten und Konsumenten gibt uns Konsumenten die wunderbare Möglichkeit die Augen vor dem Schaden, den wir eigentlich mit unserem Konsum anrichten, übersehen zu können. Wir, die Gesellschaft Disney Worlds wo jeder alles schaffen kann. Das sehen wir doch jeden Tag im Fernsehen und in den Hochglanzmagazinen. Die Stars und Emporkömmlinge führen ein Leben in Saus und Braus in dem sie auf diejenigen treffen, denen dieses Leben in die Wiege gelegt wurde.

Und wo stehe ich? Irgendwo dazwischen. Unten ist weit weg. Oben auch. Was will ich erreichen? Mich weiter nach oben arbeiten, dabei die Rücken der vor mir stehenden erklimmen und als Leiter missbrauchen: Für jede erklommene Stufe muss das Fundament verbreitet werden. Sprich nicht nur den aktuellen Rücken gilt es zu beachten, sondern der Druck aufs Fundament, damit mein Turm nicht zusammenbricht.

Ich selbst bin Teil des Fundaments für andere Kletterer. Ich halte es aus, noch. Die Last in den mittleren Stockwerken ist erträglich, die Wetter und Witterung greift mich nicht so an wie wenn ich an der Spitze stehen würde. Ich reiche den Druck von oben durch. Mein Gehalt, der nicht meinen Vorstellungen entspricht ein Leben zu finanzieren, welches ich mir vorstelle, führt dazu, andere Menschen zu zwingen mir mein Leben finanzierbar zu machen. Indem sie sich noch weiter einschränken und sich von meiner Vorstellung des Lebens unendlich weit entfernen müssen. Reduziert aufs absolute. Luft und vielleicht Wasser und Brot. Es ist Zeit umzudenken.

Produkten und der Produktion einen höheren Stellenwert einzuräumen. Jede Entlassung die der Technologie geschuldet ist, sollte dem Entlassenen Eigentum an der Produktionsstätte einräumen und ihn weiterhin an der Wertschöpfung partizipieren lassen. Dadurch würden die Produkte nicht billiger, die Arbeit würde zurückgehen. Der Konsum bliebe gleich. Und wir könnten uns auf die oben beschriebenen Entscheidungskriterien des Konsums beschränken, ohne zu befürchten, Druck auf andere auszuüben.

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