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Yuppies in Urbanity

Die Leere des freien Marktes

May 6th, 2009 written by moritz

Während am Montag die großen Einzelhändler erneut eine Senkung des Milchtütenabgabepreises bekannt gegeben haben, bietet der andere Discounter Gurken und Salat zu Preisen an, die ich selbst nur aus Erzählungen der Großeltern kenne.

lidl

Damals noch in Pfennig. Heute Cent. Sprich wir hätten eine absolute Inflation bei diesen Produkten von 195 %. Auf die letzen 60 Jahre gesehen ist das aber verwunderlich. Denn, wenn man bedenkt, dass seit 1952 der Preisindex um über 400 % gestiegen ist. Das bedeutet im Umkehrschluss wohl, dass Salat, Gurken und Milch heute weniger Wert sind. Das kann ich nur schwer glauben und möchte dies einmal kurz nachvollziehen und den Fehler des Marktes aufzeichnen, der hier strenggenommen funktioniert, jedoch gleichzeitig klar vor Augen führt, dass der freie Markt menschenverachtend und gesellschaftsgefährdend ist. Wie komme ich zu dieser These?

Adam Smiths definiert die Anarchie

Adam Smith schreibt im Wohlstand der Nationen, dass unsere Gesellschaft auf drei Grundfundamenten basiert: die erste ist das ökonomische Primat des Selbstinteresse, das zweite das Prinzip der Arbeitsteilung und das dritte der freie Markt. Diese Thesen sind richtig und spiegeln unsere derzeitige Gesellschaft wieder. Und das, obwohl Smith diese These schon 1772 verfasst hat. Nichtsdestotrotz sind Fehler in diesem Konstrukt, die eine Gefahr für unsere Wirtschaft darstellen, ähnlich wie die Anarchie eine Gefahr für unseren Staat, bzw. für unser Rechtssystem ist. Befreien wir das Selbstinteresse von “ökonomisch”. Übertragen wir das Selbstinteresse auf unser Gesellschaftssystem. Wenn ich immer in Eigeninteresse handle, dann kann ich Mitglieder der Gesellschaft töten, denn grundsätzlich schränken sie mich ein. Nicht zwingend, aber wenn sie mich einschränken, dann habe ich ein Interesse daran, dass sie verschwinden. Die Arbeitsteilung ist das einzige Konstrukt, welches ich nicht anzweifeln kann, da unsere komplizierte Welt mit ihren unglaublich komplizierten Produktionsprozessen auf Spezialisten angewiesen ist, die eine Sache sehr gut beherrschen und andere dafür andere Dinge. Ich will nicht zurück in eine Welt der Selbstversorgung, in der jeder selbst die lebensnotwendigen Dinge (Essen, Wasser, Heizung oder Wohnung) selbst erzeugen muss. Den freien Markt gibt es nicht. Die Definition des freien Markts, auf die ich mich jetzt berufe setzt voraus, dass alle Konsumenten alle Daten über alle Angebote vorliegen haben. Selbst heute, in unserer so genannten Informationsgesellschaft ist dies zwar möglich, für den Einzelnen aber nicht machbar, alle Daten abzurufen und zu interpretieren, nötige Information zu generieren und Entscheidungen darauf aufzubauen. In einem Staat wäre der freie Markt gleich zu setzen, mit dem Nicht-Staat. Sprich die Anarchie. Der Staat ist auf Grund des mündigen Bürgers überflüssig. Der mündige Bürger hat alle Daten zur gesellschaftlichen Lage vorliegen und leitet darauf aufbauend Entscheidungen ab, wie er sich in der Gesellschaft verhalten muss. Im Sinne Gesellschaft sprechen wir über den mündigen Bürger. Betrachten wir die Wirtschaft, sprechen wir vom mündigen Verbraucher. Ich will niemandem zu Nahe treten und gehe grundsätzlich davon aus, dass es sowohl den mündigen Bürger, als auch den mündigen Verbraucher gibt. Nur: Als Staat haben wir die Schlüsse soweit gezogen, dass nicht alle Bürger mündig sind und haben deshalb ein Rechtssystem eingesetzt, welches gewisse Grundrechte des Einzelnen sichert, die zwar dennoch von Zeit zu Zeit übertreten werden, dann aber eine konkrete Strafe durch den Staat, das Volk, uns, also der Gesellschaft zu Folge haben. Der freie Markt bietet diese Möglichkeit nicht. Milton Friedman ein starker Verfechter des freien Marktes geht davon aus, dass sich der Markt selbst reguliert. Durch Angebot und Nachfrage.

Friedman überschätzt Selbstregulierung

Theoretisch mag dieses Modell funktionieren. Praktisch ist es, ich wiederhole mich, menschenverachtend und gesellschaftsgefährdend. Der Markt mag sich irgendwann selbst regulieren. Bis diese Regulierung eingetreten ist, straft er die Teilnehmer mit viel Leid und psychischen Verletzungen. Seit ich geboren wurde kenne ich den Markt im klassischen Sinne nicht. Der Supermarkt in dem ich einkaufe bietet mir ein Überangebot an Gütern, über welche ich frei entscheiden kann, ob sie mir den genannten Preis wert sind, oder ob ich sie im Regal liegen lasse. Es handelt sich hier um einen Nachfragermarkt, bei dem der Konsument aus einem großen Angebot an Gütern, gemäß seiner Vorlieben und Interessen frei entscheiden kann. Nicht alle Güter sind für alle Verbraucher relevant und selbst bei relevanten Gütern gibt es Unterschiede bezüglich Qualität und Preis. Das Angebot im Supermarkt wird durch den Besitzer des Supermarktes bestimmt, der sich gegenüber den Verbrauchern in einer Position wägt zu wissen, wie die Regale am sinnvollsten zu füllen sind, so dass er ein geringes Lager hat und dennoch das Interesse des Großteils der Kunden bedient. Somit ist der Anbieter nicht mehr der Produzent, sondern der Handel. Und der Abnehmer des Produzenten ist nicht mehr der Konsument, sondern der Handel. Ein weiterer Markt auf dem ich mich in der Vergangenheit bewegt habe ist der Bildungsmarkt. Ich investiere meine Zeit, das Geld meiner Eltern und meine Arbeit in eine Ausbildung, die mir später eine Nachfrage nach dem erworbenen Wissen sichert. Soweit die Theorie. In der Praxis ist die Entscheidung bezüglich meiner Ausbildung ein Lotteriespiel. Ich treffe Entscheidungen, investiere und arbeite daran, einen Platz in der Welt der Arbeitsteilung zu finden. Das Angebot ist riesig, die Nachfrage konstant. Wieder ein Nachfragermarkt. Wenn ich meine Ausbildung abgeschlossen habe lande ich auf dem Arbeitsmarkt. Der Arbeitsmarkt ist heute genauso wieder ein Nachfragemarkt. Es gibt nur noch eine beschränkte Nachfrage von Arbeitgebern nach Arbeitnehmern. Nur im Gegensatz zu Produkten im Regal kann ich keinem anderen Verwendungszweck zugeführt werden, da ich weiterhin auf den Erhalt meines Lebens angewiesen bin. Ein Produkt, das schlecht wird kann ich schlimmsten Fall immer noch wegschmeisen oder an die Schweine verfüttern. Wer mir den gleichen Lebenszyklus vorschlägt sollte sich bitte mit unserem Grundgesetzt befassen oder einfach einmal tief in sich hören, wie es ihm in solch einer Situation ergehen würde. Aus diesen unterschiedlichen Märkte bildet sich für mich ein klarer Konflikt zu den Thesen von Friedman heraus. Auch wenn wir alle mit gleichen Fähigkeiten gesegnet sind und zu Beginn unseres Lebens die gleichen Möglichkeiten haben sind wir unfähig diese im gleichen Außmaß zu nutzen. Zu Beginn unseres Lebens werden wir durch unsere Eltern geprägt. Darauf haben wir keinen Einfluss. Irgendwann beginnen wir uns selbst zu finden und treffen Entscheidungen, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen. Diese Entwicklung verbraucht eine der wichtigsten Ressourcen des menschlichen Lebens: Zeit. Auch wenn wir seit Einstein wissen, dass Zeit relativ ist können wir auf die Ressource der Zeit nicht parallel zugreifen. Sprich, sobald wir eine Entscheidung gefällt haben und diese realisieren, entwickeln wir uns am Markt entlang oder daran vorbei. Auch der Markt arbeitet seriell. Wenn ich heute das beste Produkt erzeuge, weil ich viel Zeit in Entwicklung und Test investiert habe, kann es passieren, dass jemand anders schneller war, zwar mit einem schlechteren Produkt, aber dafür günstiger und schon einen Teil des Marktes befriedigt hat. Plötzlich komme ich zu den kalkulierten Preisen nicht mehr auf die ausgelegten Kosten. Nun habe ich auch nicht mehr die Ressourcen um ein neues Produkt zu entwickeln. Selbst wenn ich diese hätte, müsste ich um wirtschaftlich auf einen grünen Zweig zu kommen, die Verluste des ersten Produktes mit dem zweiten mit einspielen. Der Ostblock hat gezeigt, dass die Planwirtschaft, als Gegenpol zu freien Marktwirtschaft nicht funktioniert. Dennoch bin ich der Ansicht, eine reine, freie Marktwirtschaft stellt eine Bedrohung für das Individuum dar. Der, der sich falsch entwickelt hat wird von der freien Marktwirtschaft zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert, da ihm die Möglichkeiten fehlen dem Markt zu geben, was der Markt verlangt. Die Verantwortung fürMenschenwürde und gesellschaftlichen Wohlstands an eine imaginäre und komplexe Instanz zu übergeben bedeutet für mich sein Fortkommen auf die wöchentliche Ziehung der Lottozahlen zu beschränken.

Mikroökonomie und Makroökonomie

Mikroökonomischer Erfolg ist der Erfolg des Selbstinteresses. Makroökonomischer Erfolg ist der Erfolg der Gesellschaft. Ich möchte zurückkommen auf das Eingangsbeispiel, das mich erst dazu bewogen hat diesen (falls hier noch jemand mitliest, es tut mir leid um diesen langen Artikel, ich kann es nicht einfacher sagen) Post zu schreiben. Ein Milchpreis von 42 Cent stellt einen Wert dar, der es einem Landwirt nicht erlaubt, kostendeckend zu produzieren.

Laut einer Studie des WWF benötigt man für einen Liter Milch ca. 1m³ Wasser, der Kubikmeter Wasser kostet in Hamburg 1,47 netto. Die Studie des WWF spricht vom benötigten Wasser, dieses ist nicht zwingendermaßen Leitungswasser, sondern ist im Idealfall Regenwasser das dafür sorgt, dass das Futter für die Tiere wächst und gedeiht. Sollte dies wirklich komplett mit Leitungswasser gespeist werden, sähen wir morgen in der Zeitung Bilder von erhängten Landwirten.

Ein Landwirt sieht sich wie jeder Produzent zwei unterschiedlicher Produktionskosten gegenüber: variable Kosten, die bei der Produktion des Stücks entstehen und Fixkosten, die unabhängig der Produktion entstehen. Im Falle des Bauerns sind die variablen Kosten die Futtergewinnung, die Energiekosten für die Melkmaschine, Belüftung und nicht zuletzt die Arbeit und die Fixkosten die Kosten für Miete oder Abschreibung auf Stall, Flächen, Maschinen, Nachzucht und Kühe. Wenn der Landwirt nun für sein Produkt einen geringeren Preis erzielt muss er Kosten einsparen. Gehen wir davon aus, dass die Stückkosten relativ stabil und grundsätzlich unter dem Abgabepreis sind, bleibt ihm als erste Stellschraube an den Fixkosten zu drehen. Er verkauft oder schlachtet alle Kühe die wenig Milch geben. Er stößt Flächen ab, die nun nicht mehr benötigt werden. Er vermietet Stellflächen seines Stalls unter. Er verkauft einige seiner Maschinen. Somit erzielt er vielleicht einen Abgabepreis der wieder kostendeckend ist. Nur was sind die nachgelagerten Auswirkungen dieser Entscheidungen. Weniger Kühe bedeutet weniger Kälber.

Denn selbst in unserer modernen Welt müssen Kühe erst Kälber gebären, bevor sie Milch geben. Diese Kälber werden anschließend wieder selber Kühe oder eben Fleisch für die hungrigen Mägen der Verbraucher. Wenn es weniger Kälber gibt wird es langfristiger weniger Fleisch geben. Weniger Fleisch treibt den Preis für Fleisch in die Höhe (bei gleichbleibender Nachfrage zum derzeitigen Preis). Dies muss nicht der Fall sein, für mich aber durchaus ein denkbares Szenario. Wenn der Bauer nun an seinem Lohn sparen sollte, dies ist ein Teil der Stückkosten, dann verdient er weniger und hat weniger Geld zu konsumieren. Sprich von ihm als Konsument fließt weniger Geld in andere Bereich der Wirtschaft. Wenn nun alle Bauern unter den Bedinungen leiden und weniger konsumieren sinkt der Gesamtkonsum der Gesellschaft. Dies hat zur Folge, dass weniger produziert werden muss. Wenn weniger produziert werden muss, wird weniger Arbeit benötigt. Wenn weniger Arbeit benötigt wird, sinkt das Volkseinkommen. Worauf will ich hinaus? Selbst wenn ich mich heute noch so sehr drüber freuen würde, dass Milch zu einem solch günstigen Preis angeboten wird und alle anderen dies mit mir tun, kann diese Haltung dazu beitragen, dass die Gesamtwirtschaft schrumpft. Ein schrumpfen der Gesamtwirtschaft bedeutet für die Gesellschaft: Rückschritt. Wir verlieren Wohlstand, den wir heute noch genießen.

Fazit: Boykott der Preistreiber

Laut aktuellen Berichten haben auch die Discounter unter der permanenten Bedrohungslage der Wirtschaftskrise gelitten. Die Verbraucher hielten sich mit dem Konsum zurück um Geld zu sparen. Grund hierfür ist die Angst, sollte die Krise dem schlimmsten Szenario entsprechend eintreten. Diese Konsumverweigerung hat zu einem Umsatzrückgang bei den Discounter geführt. Nun zünden diese ein Strohfeuer. Sieben cent brutto weniger, bedeutet netto einen Umsatzrückgang bei Milch pro Liter von 14 %. Diese 14 % müssen erst einmal durch Mehrkonsum egalisiert werden. Selbst wenn diese 14% im Umsatz aufgeholt werden können, werden sie nicht an den Produzenten, auf dessen Rücken diese 14% auf Grund von Mengenstaffeln ausgetragen werden weitergegeben. Sollte sich ein positiver Umsatztrend zeigen wird dieser in andere Wirtschaftszweige verteilt, oder verbleibt beim Handel. Die Kosten des Produzenten von Milch sind zum Zeitpunkt solcher Ansätze schon längst entstanden. Selbst wenn sie kurzzeitig eine besser Cashflow Situation darstellen, verliert unsere Binnenwirtschaft als Ganzes. Aus diesem Grund bleibt mir nichts anderes als einen Boykott der Discounter auszurufen. Nur wenn wir, als mündige Verbrauchern unseren eigenen Profit nicht auf dem Verlust von anderen austragen können wir langfristig unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft nach vorne bringen und die Welt ein bisschen besser machen.

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One Response to “Die Leere des freien Marktes”

  1. L. S. Wert(h)er

    Gut geschrieben und meine Anfänge des BWL-Studiums anschaulich wiederholt.
    Ich bin der Meinung, wir sollten unsere eigene Wertlosigkeit, nicht durch Quantität an wertlosen Produkten versuchen aufzuwerten (funktioniert nicht, denn wertlos + wertlos = wertlos).
    Sondern unseren eigenen Wert erkennen und uns selber wert sein, wertvolle Produkte zu kaufen.

    Ich werde es versuchen umzusetzen! Danke!

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