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Yuppies in Urbanity

Digital ist Besser!

February 26th, 2010 written by moritz

Wo sind wir gelandet? Die Welt 2010 macht sich daran die Gesellschaft in die Zeit vor der Aufklärung zurück zu schmeißen, freie Gedanken und freies Handeln zu unterbinden. Nicht der Klerus oder staatliche Institutionen sind diesmal die Verantwortlichen, die uns vorgeben meinen zu müssen, was gesagt, gedacht oder getan werden muss. Es sind wir selbst, wir die Gesellschaft, die vergessen hat, was Freiheit eigentlich bedeutet. Unser Rechtssystem baut darauf auf, das die Beschränkung meiner Freiheit, die Freiheit des Anderen ist. Ich kann niemandem in seinen Gedanken und seinem Tun einschränken, solange er meine Freiheit nicht einschränkt. Unsere Gesetzte sehen darüber hinaus noch Besitz und die Freiheit sich Besitz an zu eignen vor, der unter besonderem Schutz steht. So kann ich z.B. durchaus die Freiheit von anderen Einschränken indem ich mir ein Stück Land kaufe, durch das ein Weg führt, welchen Andere bisher für Ihren Weg zur Bekannten, zum Markt oder zur Arbeit nutzten. Wenn das Land in meinem Besitz ist, habe ich die Freiheit es einzuzäunen und so die Möglichkeit, massiv die freie Bewegung der Anderen einzuschränken, da diese nun nicht mehr den zuvor und aus Erfahrung kürzesten oder schönsten Weg wählen können, ihn nicht mehr begehen können, da dieser nun in meinen Besitz gefallen ist. Landläufig sprechen wir von einem materiellen Gut, welches unter dem besonderen Schutz des Eigentums steht. Das ist nicht schön, aber so gelernt und akzeptabel. Dafür hat der Besitz des Anderen auch  diesen Schutz vor dem Gesetz, den Schutz vor mir. Denn unser individueller Besitz ist frei nach Marx, die Sicherung der individuellen Freiheit. Hätte ich nur meine Arbeitskraft, wäre ich Sklave, da ich diese Tag für Tag aufs neue für meinen Lebensunterhalt verwenden muss und unter widrigsten Umständen Arbeit annehmen muss.

Wie schaut die Sache im zwischenmenschlichen aus? Genau hier liegt der Hase im Pfeffer, der mich zu der These verleitet, dass wir damit begonnen haben uns mit unserem Wertesystem neue Fesseln anzulegen, die in der Vergangenheit von der Aufklärung zerrissen wurden. Wir haben gelernt und unser Wertesystem darauf aufgebaut, dass wir alle nach Selbstverwirklichung streben dürfen. Wir sollen das machen, was uns gefällt, was uns Spaß macht. Nur, können wir dies auch Anderen zugestehen? Nein, wir gestehen es den Anderen nicht zu. Wenn es Ärger gibt zwischen Personengruppen auf Grund von vergangenen Konflikten, oder einfach nur Verwicklungen, gebührt es sich einander aus dem Weg zu gehen. Wieso? Weil wir nachtragend sind, weil wir den Mensch nicht als Mensch, als freies Wesen akzeptieren können, sondern ihn einordnen müssen. Einordnen durch sein Verhalten in der Vergangenheit. Die Beurteilung ob dieses Verhalten richtig oder falsch war, liegt ganz allein in unserer subjektiven Empfindung. Und dank dem Streben nach Selbstverwirklichung, stehen wir uns auch die freie subjektive Bewertung Anderen zu. So schleicht sich ein weitere Faktor ins Zusammenleben. Wir können nicht vergeben, wir können nicht vergessen und wir können den anderen keine Freiheit zugestehen. Alleine das Erscheinen der Anderen in unserem Blickfeld wird von uns als Einschränkung der eigenen Freiheit empfunden.

Das ist grundlegend falsch, konservativ und rückständig. Es gibt in meiner Auffassung kein allgemein gültiges Wertesystem, auf welchem oben skizziertes Empfinden gerechtfertigt wäre. Es gibt ein allgemeines Wertesystem, welches aber nicht mehr oder weniger ist, als der kleinste gemeinsame Nenner der Zusammenlebenden, des Subsystems, der Gesellschaft. Es ist vermessen, Maßstäbe hoch zuhalten, die genau auf diesen Werten basieren. Dafür haben wir ein Rechtssystem, welches versucht die allgemeine Auffassung für die Gesellschaft fest zu legen, so steht es außer Frage, dass Diebstahl, Gewalt und Betrug, sollten sie in irgendeinem individuellen Wertsystem gerechtfertigt sein, wider der Freiheit und Unversehrtheit des Einzelnen stehen, die dem besonderen Schutz bedarf.

Wieso ist digital dann besser? Digital ist befreit von einigen Werten. Es geht nicht mehr um die Person, es geht um den Inhalt. Der Inhalt ist unabhängig von dem wie die Person aussieht, ist unabhängig von dem, wie die Person riecht, wie die Person isst und wie sich die Person bewegt. Die Person ist ein Neutrum. Definiert durch ihre digitale Identität. Definiert durch ihre Aussagen, definiert durch ihre Konversationen, definiert durch ihr Profil im Digitalen. Dieses Profil ist zum Teil selbst zu gestalten, zum anderen setzt es sich aus der Interaktion mit anderen Teilnehmern zusammen. In diesen Interaktionen ist mehr oder weniger alles erlaubt. Ich kann dort nur wenig Schaden anstellen und wenn ich Schaden verursache, dann kann dies aufgeklärt werden. Ich bin voll verantwortlich für mein Handeln und mein Tun. Das Netz kommt aus der Anonymität des Usenet, aus der Anonymität der Emailadresse. Ich kann mir heute eine Emailadresse nach der anderen holen, ohne das jemals überprüft wurde, ob ich als Person tatsächlich existiere oder ob ich nur eine Kopie eines Individuums anlege. Daher plädiere ich für die vollständige Transparenz im Netz, zumindest in demokratischen Rechtssystemen, die sich die Freiheit des einzelnen auf die Fahne geschrieben haben. Es ist an der Zeit Verantwortung fürs Handeln zu übernehmen. Sachen erst zu tun, nachdem man sich den Konsequenzen bewusst ist. Ab diesem Zeitpunkt bevorzuge ich die digitale Identitäten den realen. Zumindest in derzeitiger analoger Gesellschaft.

Leider lebt der Mensch nicht allein von Bits und Bytes.

Dennoch bleib ich dabei, dass nur das Netz die Freiheit der Gedanken und der Aussagen gewährleistet und gewährleisten kann. Im Reellen sind wir zu verklemmt, zu spießig, zu verbissen unserer Freiheit nach zu jagen. Zu egozentrisch, und bilden uns ein, dies geschähe mit gutem Grund. Basieren auf Werten, die ich mir selbst zurecht gelegt habe und als geltende Ordnung ansehe. Ich hoffe ich bin anders. Ich hoffe, ich gestehe allen Menschen um mich herum ihre freie Bewegung und ihre freien Gedanken zu. Und ich wünsche mir, das Andere dieses Ziel auch folgenswert erachten. Ansonsten legen wir uns selbst die Fesseln an und beschränken uns und Andere in ihrer Freiheit.

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