Ich besuche meine Großeltern nicht mehr oft, aber durchaus gern. Ein Anker meines Lebens. Die Langsamkeit ihrer Entwicklungen, die Stetigkeit ihres Daseins, ihres Lebens, speziell Ihrer Häuser und Wohnräume. Klar gibt es auch dort kleine Veränderungen: neue Tapeten, neue Gegenstände oder mal ein neuer Boden. Dennoch bleiben manche Sachen unverändert, seit ich mich zurück entsinnen kann.
Am Samstag war ich wieder einmal bei meinen Großeltern. Und als ich dort durchs Wohnzimmer stromerte um mir die Bilder meiner und der Kindheit meiner Eltern, ihrer und meiner Geschwister und Cousins, Cousinen anzusehen, drückte mir meine Großmutter eine Kiste mit alten Bilder ihrer Mutter in die Hand. Bilder, die meine Tante und meine Mutter der Urgroßmutter immer zu einem Kalender gemacht haben um sie vom Wohlergehen und dem Gedeih der Urenkel zu überzeugen. In dieser Box befanden sich neben vielen schönen und alten Bilder, die ich fast alle kannte auch ein Konfirmationsbild meiner Urgroßmutter und ein Zeitungsseite vom Weihnachtsfest 1951. Der Grund wieso diese Zeitungsseite dort zu finden war ist ein ziemlich dramatischer. Eine Markierung verweist auf eine Textpassage in der in wenigen Zeilen darauf verwiesen wird, dass in der Nähe von Würzburg einem Bahnbeamten beim Rangieren das Bein gequetscht wurde und es deshalb amputiert werden musste. Dieser Bahnbeamte war mein Großonkel. Ein Bruder meiner Oma, ein Onkel meines Vaters, der Sohn meiner Urgroßmutter. Die Geschichte kannte ich. Doch die volle Dramatik und die Jahreszeit hatte ich nie erfahren. Ich schenkte der Zeitungsseite mehr Beachtung und fand auf der Rückseite eine Anzeigenrubrik. Lauter Verlobungen. Angekündigt in der Zeitung. Ich kann mich erinnern, dass ich früher, als ich noch lokale Tageszeitungen gelesen habe von Zeit zu Zeit Trauungsanzeigen gesehen zu haben. Aber die Ankündigung einer Verlobung ist mir noch nie begegnet. Der Stempel der Verlobung. Die ganze Gemeinde kann es lesen. Die Alte ist bald meine. Der Typ gehört zu ihr. Nix mehr mit flirten, auf Arsch oder Brüste starren, denn die sind bald verheiratet. Ein Signal an die Außenwelt über das wichtigste Breitbandmedium, das den Menschen zu dieser Zeit zur Verfügung stand. Outing vor versammelter umgebender Gemeinschaft. Das waren noch Zeiten.

