Habe ich vor 14 Tagen noch über die meiner derzeitigen Wohnung gegenüberliegende Kneipe gesprochen, so musste ich mit Beginn dieser Woche feststellen, dass ich geistesgegenwärtig das Requiem fürs Frankfurter Stübchen geschrieben habe. Waren zu Beginn der Woche nur die verrauchten und verschranzten Einrichtungsgegenstände vor der Tür gestanden und die Lichter des Nachts nicht mehr erleuchtet, sind seit heute morgen auch die farbigen Ornamentfenster im “Schau-hier-bloß-nicht-rein” Stil verschwunden.
Ein weiteres Etablisment in meiner direkten Umgebung das verschwindet. Ich glaube nicht, dass es sich hier nur um eine Renovierung handelt. Eher nehme ich an, es wird eine längere Zeit als leerstehende Immobilie folgen. So wie kurz nach meinem Einzug der Tante Emma Laden (der allerding vom Neffen Osama Bin betrieben wurde) geschlossen hat und seitdem leer steht und Ende 2008 dann noch die günstig gelegene Apotheke zu gemacht hat. Jetzt gibt es im Block noch ein Restaurant, ein Café, einen Bäcker, einen Frisör, einen Kiosk und einen Schuster. Das Block spezialisiert sich. Hier wird nur noch gewohnt und geschlafen. Geshoppt wird wo anders. Dort wo es günstig ist, man gut mit dem Auto hinfahren kann und den Einkauf für die ganze Woche und alles was man noch mal so brauchen oder nicht brauchen kann um sein Wohnen in eine neue Atmospähre des professionellen Euqipment aus Sandwichtoaster über Fritöse bis zur Eismaschine zu hieven. In gleichem Mase wird die private Entertainment aufgerüstet. Konsole, Blueray, 55″ Flatscreenfernseher, Pay-TV Abonement, Laptop, Netbook, Ipod, Digital-Stereo-Sourrund-Sound-System und natürlich Breitband WLan, Kabel, UMTS, EDGE, wasweisichnoch-Anschluss. Geil, stimmt, jetzt fällts mir auf. Wozu noch ausgehen? Die Dienstleistungen kommen zu mir.
Kino?
“Ich hab 55-Zoll-Full-HD-DVB-T-&-C-HDMI-WLAN-TV mit Blueray mit Dolby-Pro-Logic-DTS-Neo6-TrueType-Settop-Boxen dazu die Infrarot-Massage-Liegelandschaft-mit-integriertem-Essen-warm-Bier-kalt-Standsystem, Alda, that’s Kino….
Ausserdem hab ich den Film schon letzte Woche schon aus dem Netz gezogen.”
Fußball-in-der-Kneipe?
“Nee, lass mal, nicht mit mir, da muss ich mich nur wieder mit so einem frustrierten Verlierer-Club-Anhänger unterhalten. Ich will lieber die Konferenz sehen.”
Eis-um-die-Ecke?
“Ach Quatsch, ich schmeiß kurz meinen ICE-Maker an und in 10 Minuten ist es fertig, schön Diet und Gesund und so. Sollen doch eh nicht so viel Fett.”
Pizza-Essen-Gehen?
“Ach komm, ich hab vom Discounter welche mitgebracht, da leg ich uns ein bisschen Ruccola drauf , anders wird es in der Gastronomie doch auch nicht gemacht. Lass uns lieber mal ein paar Bilder machen. Die stellen wir dann ins Netz und zeigen allen Homies, wie geil wir sind.”
TipTop. Homies, bezeichnet man damit nicht eigentlich Nachbarn? Aber wer sind meine Nachbarn. Ich sehe sie nie. Sie haben einen unmöglichen Musikgeschmack und sehen Frühstücks-TV. Mehr bekomm ich davon nicht mit. Meine Homies sind im Netz. Die lokale Position zweitrangig. Auf immer vereint dank virtuellem Profil. Das kann ja auch leichter gepimpt werden als ich. Wann wird es endlich dunkel, damit ich meine Wohnung unerkannt verlassen kann. Wobei, erkennt mich ja eh niemand.
Mein Wohngebiet spezialisiert sich. Hier wird nur noch gewohnt. Nicht mehr gelebt.