Vor kurzem wurde im Online Bereich der Zeit ein Interview mit Markus Reiter veröffentlicht, der zu seinem Buch: “Dumm 3.0″ Auskunft gab und recht polemisch auf die schöne neue Webwelt einprügelte. Auch wenn ich mit ihm sicher nicht in allen Teilen übereinstimme und seine Herangehensweise als zu difamierend empfinde muss ich ihm leider zum Teil durchaus zustimmen. Er hat recht, wenn er sagt, nur ein kleiner Teil der Menschen nimmt überhaupt die Möglichkeiten der Online-Präsenz wahr. Dies setzt er dann aber mit den sogenannten Eliten gleich, die schon in der Vergangenheit etwas zu sagen hatten. Dies zeugt von einer gewissen Ignoranz gegenüber dem, was tatsächlich im Netz passiert. Sicher, die allgemein gesellschaftliche Relevanz der von der Elite Zugehörigen publizierten Inhalte ist höher. Werfe ich jedoch einen Blick in die Foren und Seiten abseits des Mainstream sehe ich durchaus eine Partizipation von Menschen, die sich keinerlei Elite zugehörig fühlen. Beispiel Facebook: Facebook als Social Network ermöglicht den Austausch unter Gleichen. Das sind in erster Linie mal die Freunde, die sich gegenseitig Postings auf ihre Kommentare und Pinwände setzen und sich auf diese Art und Weise austauschen, auch über Kontinente und Gewässer hinweg. Dies ist sicher nicht von hoher gesellschaftlicher Relevanz, aber für das Individum von größtmöglicher Relevanz. Sicher, auch in der Vergangenheit konnte ich meine Rechnungen nicht durch die Gespräche und dem Austausch mit meinen Freunden begleichen, aber sind wir in einer Zeit angelangt, in der jede Handlung auf die ökonomische Dringlichkeit hin überprüft werden muss? Der Stammtisch, als Basiscamp des politischen Diskurs hat ökonomisch auch keinen Sinn gemacht. Abgesehen vielleicht für den Wirt. Und genau an diesem Punkt muss ich zustimmen. Befeuert auch durch einen Abgesang der TAZ auf die “Digitale Bohème”, sehe ich die aktuelle Entwicklung skeptisch. Durch unseren freiwilligen und aktiven Beitrag auf aktuellen Plattformen “…werden wir zu digitalen Bauern, die für Lords der digitalen Wolken (…) kostenlose Inhalte bereitstellen.” Die Einzigen, die aus diesen Inhalte dann tatsächlich Profit generieren können, sind die Plattformanbieter. Sicher, sie stellen uns Tools und Hilfsmittel zur Seite, mit Hilfe derer wir Inhalte publizieren können. Dank derer wir uns keine Gedanken über Speicherplatz, Dateiformat oder Schnittstellenkompatibilität machen müssen. Doch sicher nicht aus altruistischen Interessen. Sie geben uns die Tools, damit wir für sie die Felder bestellen. Die Ernte dieser Saat geht dann auch wieder zum Teil an uns zurück, indem sie Entwickler bezahlen, die noch bessere Tools für uns erstellen. Doch zumindest der Zehnte wird sich dabei in ihren Taschen finden. Leider fällt es mir schwer, Gegenentwürfe zu zeigen oder bessere Vorschläge zu bringen. Doch freue ich mich schon heute auf den Vortrag von Sebastian Deterding zum Thema: Der gefährliche Mythos vom dezentralen Internet sowie auch auf die anderen Vorträge der Re:publica.
Am Rande: Eventuell ist dieser Post etwas zu speziell auf meine derzeitigen Probleme beim Aufsetzen eines neuen Webangebots angelehnt. Zu meinem Erschrecken muss ich feststellen, dass ich all die Plattformen und Tools dort draußen sicher beherrsche, jedoch auf Coding-Ebene um eben wirklich etwas Neues anzubieten trotz Studium leicht überfordert bin. Und da überkommt mich ein leichtes Schaudern hinsichtlich der vielen Inhalte, die von Personen ins Netz gestellt werden, die dies vermutlich auch nur können, weil ihnen jemand die entsprechenden Tools gibt. Wo ist der Beitrag nachdem er einmal publiziert wurde?