Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2009 liegen gerade mal seit sieben Tagen vor. Die sogenannten Gewinner sind nach anfänglichen Feier- und Dankesreden in den Kammern verschwunden und streiten den Koalitionsvertrag aus. Die Verlierer starten eine Kampagne gegen die für das Debakel verantwortlichen Persönlichkeiten oder sitzen in Trash-TV Sendungen auf der Couch um dort Sympathiepunkte zu sammeln. Wen interessierts? Niemanden. Das ist Politik. Die Geschicke dieses Landes werden von Parteien und deren Vertretern bestimmt. Doch wird hier nach meinem Gutdünken bestimmt? Sicherlich nicht. Selbst der Mitgliederschwund der großen Parteien wirkt sich in keinster Weise auf die Schlagfertigkeit und Durchsetzungskraft der Parteien aus. Stundenlange organisatorische Selbstmarterungsexzesse füllen zwar die Sendezeit der Tagesnachrichten und Zeitungen. Aber wen interessierts? Genauso spannend ist die Neubesetzung von Trainerstühlen in den höchsten Fußballligen und die Aussenwirkung sind nicht minder unbedeutend.) Was zählt das Individuum? Nix. Niemand kann raus aus der Rolle, die ihm seine Organisation überstülpt. Prozesstechnisch betrachtet macht dies vielleicht Sinn und hat vielleicht auch eine gewissen Notwendigkeit. Am Ende des Tages kommen wir aber auf einen Kernansatz der Prozesse im wirtschaftlichen und arbeitstechnischen Umfeld zurück. “Jeder ist austauschbar.”
Nicht das mir das bis heute noch nicht aufgefallen ist und das ich ein sonderlich großes Problem damit hätte. Spätestens Rocko Schmamoni hat mit seinem Werk: “Sternstunden der Bedeutungslosigkeit” die eigene Unbedeutsamkeit in unserer Gesellschaft hervorragend scharf gezeichnet. Es nährt sich mein Verdacht, mehr und mehr Bewohner dieses Landes werden sich dieser Bedeutungslosigkeit und der damit einhergehenden Ohnmacht bewusst. Dies spiegelt sich in den Eingangs skizzierten Wahlergebnissen wieder. Eine Wahlbeteiligung von 70 % davon nochmals über 1% ungültige Stimmen: Da haben ziemlich viele keinen Bock mehr auf die bewährten Mittel der parlamentarischen Demokratie. Das diese Personen stattdessen politisch uninteressiert sind ist angesichts der absoluten Anzahl von 18.774.900 eine falsche, aber gern genannte Aussage. Das würde bezogen auf die Gesamteinwohnerzahl einen Anteil von 20% politisch uninteressierter Menschen ausmachen.
Ich habe gewählt. Widerwillig, aber ich habe. Das Gesamtergebnis hat jedoch nichts mit dem, was ich auf dem Wahlzettel angekreuzt habe zu tun. Was ist eigentlich das Ergebnis der Wahl? Fünf Parteien ziehen ins Parlament ein. Mit jeweils einer zweistelligen Prozentzahl. Ich möchte jetzt nicht in den Abgesang auf die Volksparteien einstimmen, da dies im Blätterwald der Republik zur Genüge getan wird. Ich frage mich: Wer sind die Personen die hier wählen?
Auf Grund fehlender Zahlen muss ich die Argumentation auf mein eigenes Empfinden und Indizien aufbauen. Wähler sind für mich: Meine Großeltern, meine Eltern, meine Onkel und Tanten und deren Generation. Also ungefähr alles was gesetzt und einigermaßen fest verwurzelt ist in der Gemeinschaft. Was Werte besitzt und jahrelang die Steuern und Renten gezahlt hat und im Falle eines Umbruchs Angst vor dem Ruin hat. Darüber hinaus ist die Generation 45+, die Generation die am Stärksten von dem herrschenden System profitiert hat. Ich möchte jetzt keine historischen Tatsachen wie 68 und den daraus folgenden deutschen Herbst vernachlässigen. Jedoch sind das für mich nur Nebenerscheinungen der Systementwicklung und Systemfestigung. (Ich möchte es gerne als die Pubertät der Bundesrepublik bezeichnen.) Die 80er geprägt von der Öko- und Friedensbewegung, die in der Entstehung einer neuen Partei des guten Gewissens gipfelte, stellt für mich die Abnabelung und teilweise Eigenständigkeit der Generation 45+ dar. Dann kommt der harte Schnitt.
Camille de Toledo bringt in seinem Buch: “Goodbye Tristesse” diese Tatsache schön auf den Punkt in dem er die darauf folgende Generation als 9/11 Generation bezeichnet. Damit meint er die Personen, die in der Zeit zwischen dem Mauerfall und Zusammenbruch des eisernen Vorhangs (9. November 1989) und dem Einsturz der Zwillingstürmen (11. September 2001) erwachsen wurden und eigenständig werden sollten. Konnten diese Personen eigenständig werden?
Ich glaube nicht. Das einzige lebende System war zu dieser Zeit das liberale kapitalistische Konzept. Alternative Entwürfe waren auf Grund des Versagens des früheren Gegenpols unpopulär und außer auf kleinen Inselstaaten nicht lebensfähig. Was macht eine Entwicklung aus, bzw. was ist das Ziel der Entwicklung?
Die Entwicklung zum eigenständigen und selbstständigen Individuum setzt die Fähigkeit voraus, Entscheidungen zwischen Alternativen fällen zu können unter Abwägung der möglichen Konsequenzen. Was aber, wenn ich auf Grund von fehlenden Alternativen keine Entscheidung treffen kann, sondern in bester: “Friss oder Stirb-Manier.” Ein System annehmen muss, zu dem niemand Alternativen bieten kann? Was, wenn selbst Gedankenspiele bezüglich anderer Systeme und Möglichkeiten im allgemeinen Jubel der Befürworter des Siegessystems untergehen, oder schlimmer, erst gar nicht geführt werden? Kann ich in einem solchen Umfeld eigenständig werden? Ich glaube nicht. Da die Möglichkeit zur wirklichen Wahl und Entscheidung vorweggenommen ist durch fehlende Alternativen kann ich nur mitlaufen. Mitlaufen mit den Älteren, in der Hoffnung diese haben zu Recht den Weg der verbleibenden Alternative gewählt. Ist dies Eigenständigkeit? Wohl kaum.Das ist eher eine Art Lotterie. Ich mache mein Kreuz nach Gutdünken und die Zahlen wenden sich dem statistischen Mittel zu. Oder ich verzichte aufs Glücksspiel und verzichte auf die Stimmabgabe.
Ich bin relativ fest davon überzeugt, dass die Mehrzahl der Stimmverweigerer aus dem Umfeld der Zweit-, Dritt- und Viertwähler kommt. Aus Enttäuschung über die eigene Machtlosigkeit und das fehlende Verständnis für das derzeitige System. Ich kann nur zu einem System stehen, welches ich gegen andere verteidigen muss. Es muss Alternativen geben, damit ich wählen kann. Wenn alle das Gleiche sagen, dann kann ich auch mit Stimmverweigerung zustimmen. Somit kann ich durch Untätigkeit dem Ruf von Joseph Heath und Andrew Potter nachkommen, die in ihrem Buch: “Konsumrebellen” Ende des Kapitels 6 und eigentlich durchgehend fordern: “Statt “den Mut zu haben, anders zu sein”, sollten wir vielleicht den Mut haben, die Gleichen zu sein.“
Dem möchte ich grundsätzlich nicht widersprechen, nur ist ein Gleich zu sein auf Grund fehlender Alternativen nicht wirklich schwer. Wenn man sich dessen bewusst wird, erlangt man die Gleichheit nicht durch Aktion, sondern durch Nichtstun. Da wir ja alle gleich sind.
Schöne neue Welt. Die Ohnmacht vor dem Markt und der fehlende Wille unpopuläre, aber notwendige Entscheidungen zu fällen wird uns die nächsten Jahre weiterhin begleiten. Wir werden in die Geschichte eingehen als Ära Konsens. Der Versuch es allen zu allen Zeiten recht zu machen legt uns die Fesseln der Untätigkeit an.