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Kindle aus der Sicht eines Spätberufenen

October 26th, 2012 written by moritz

Lange Zeit habe ich gehadert ob ich mir jemals so ein modernes Lesegerät wie einen Kindle zulegen muss. Digitales Lesen habe ich im Gegensatz zu digitaler Musik nie als wirkliche Verbesserung meines Lebens, oder weniger pathetisch als Vereinfachung meines Konsumverhaltens betrachtet. Viele Beschreibungen habe ich gelesen und die Begeisterung hat mich nicht ergriffen.

Während mir der Vorteil eines mp3-Players mit seinem Erscheinen sofort einleuchtete, konnte ich Pia, die ihrerseits schon seit dem letzten Geburtstag einen Kindle besitzt immer nur freundlich belächeln. Wozu so ein Ding? Ich liebe Bücher. Ich mag das Papier, ich liebe die haptische Erfahrung, nicht noch ein Bildschirm in den ich starre. Aber schon bei Pias Kindle begeisterte mich von Anfang an die Klarheit und Lesbarkeit der Schrift, aber das selbe Erlebnis habe ich auch mit gedrucktem Papier. Also wozu ein weiteres technisches Gerät, wenn die Kosten für eBooks keine signifikante Ersparnis gegenüber ihren Schwestern aus Zellulose bieten? Darüber hinaus  ist die ästhetische Wirkung  eines gefüllten Bücherregals nicht zu vernachlässigen.

Heute lächle ich über meine damalige Ansicht, da ich mich vom Kritiker zum Verfechter gewandelt habe. Dafür gibt es mehrere Gründe.

1. Tausende Seiten Papier wiegen weniger als 170 Gramm

Der Grund weshalb ich mich für die derzeit günstigste Variante des Kindle entschieden habe war der geplante Urlaub auf La Gomera. Im Gegenzug zu anderen Fluglinien verlangt Ryan Air Gebühr für aufgegebenes Gepäck. Aus Erzählungen von Freunden und Bekannten war ich vor deren restriktiven Auslegung gewarnt. Um eine Kostenexplosion von 100 € zu vermeiden, die entsteht wenn die 15 Kilo Gepäck, die sich schon so im Flugpreis niederschlagen überstiegen werden, entschied mich für die sichere Alternative. Statt fünf Papierbüchern, lieber ein Kindle der lächerliche 170 Gramm wiegt und im Innenfutter der Jackentasche mitkommt. Um mich jetzt nicht lächerlich zu machen, indem ich 80 € für den Kindle, 100 € möglicher Mehrkosten, die auf Grund nicht vorhandener Souvenirs eh nicht entstanden sind, gegenüber zu stellen, hier nun eine Vollkostenrechnung und siehe da:
Der in der Einleitung noch bemängelte fehlende Preisvorteil von eBooks kommt eigentlich nur bei neueren Erscheinungen zum Tragen, in meinem Fall:
Fratze von Chuck Palahniuk
, wo dem Taschenbuch zu 9,95 €, 8,95 für das eBook gegenüberstehen.
Besser wird dieses Verhältnis schon bei Büchern die aktuell nur gebunden vorrätig sind:
Limonow von Emmanuel Carrére, Festeinband zu 24,90 € gegenüber 14,55 € für die Kindle-Variante.
Unschlagbar und richtig viel Papier fürs Geld gibt es bei den Klassikern:
Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Kamarasow: Statt 15,90 € fürs Taschenbuch fallen nur 0,99 € für das eBook an.
Zusammengefasst ergibt sich bei obiger Auswahl eine Ersparnis gegenüber dem Papierprodukt von über 50 %, je nach Zusammenstellung kann diese allerdings auch auf über 90% steigen. Ich möchte beim zuletzt genannten Beispiel bleiben. Die Brüder Kamarasow sind schwere Kost, als Papierbuch auch in Bezug auf die Masse. Um es im aktuellen Sprech zu formulieren: 1000 Seiten Papier ruinieren nicht erst mit Erfindung des Kindle die Usability des klassischen Buchs, geschweige denn bringe ich ein solches Buch in meiner Jackeninnentasche unter. So aber war es gewichtstechnisch zu keinem Zeitpunkt des Urlaubs eine Last und begleitete mich auf Wanderungen und beim Ausflug an den Strand um dort im Sitzen, Liegen oder Stehen gelesen zu werden. Kein Verblättern, keine Eselsohren, keine Flecken da der Kindle sich immer wieder an der zuletzt gelesenen Stelle öffnet und das Display abgewischt werden kann. Darüber hinaus wird der Kindle gleich mit einem digitalen Wörterbuch ausgeliefert. Sollte ich ein Wort im Text nicht kennen, zeigt mir der Kindle umgehend an, was sich dahinter verbirgt.

2. Neues Leseerlebnis für unhandliche Zeitungen

Schon beim anfänglichen Stöbern im Kindle Store bin ich auf die dort angebotenen Zeitungen aufmerksam geworden. Da die ZEIT als Zeitung meiner Wahl für 14 Tage kostenlos Probe gelesen werden und bis zum letzten Tag gekündigt werden kann, lud ich sie mir auf den Kindle. Mit obigem Bild möchte ich verdeutlichen, wie aufgeräumt das Menü der ZEIT ist. Schnell und Einfach kann ich mich durch die einzelnen Artikel und Ressorts bewegen. Die Zeitung zeigt plötzlich eine nie gekannte Linearität und alle optischen Störer in Form von Werbung sind eliminiert. Plötzlich kann ich die ZEIT auch im öffentlichen Nahverkehr lesen, was vorher auf Grund des Formates zwar wahnsinnig wichtig ausgesehen hat, aber eigentlich doch eher umständlich war. Lapidarer ausgedrückt könnte man sagen, die Zeit verkommt auf Grund der besseren Handlichkeit zur Klolektüre, aber diese endgültige Auslegung überlasse ich dem Leser. Mich begeistert das Vertriebsmodell, da ich, egal wo ich bin, Hauptsache online, am Donnerstag morgen meine Zeitung zugestellt bekomme. Womit wir beim nächsten Thema wären.

3. Integration statt Medienbruch

Online. Der Kindle entfaltet seine volle Wirkungskraft, sobald man ihn mit dem Internet verbindet. Eine dedizierte eMail-Adresse bei kindle erlaubt mir, Texte als eMail-Anhang auf den Kindle zu schicken und sie dort zu lesen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Tools, die mir erlauben, meine Inhalte und Texte die am Rechner einfach zu umständlich oder anstrengend zu lesen sind, auf den Kindle zu übertragen. Sicher, der eine oder andere Link geht dabei verloren, aber das allein sollte der Qualität eines Textes keinen Abbruch tun. Auf dem Kindle kann ich in allen Texten die ich lese entscheidende oder interessante Stellen markieren oder auch kommentieren. Diese Markierungen und Kommentare finden sich im Dokument: “My Clippings” wieder. Diese Clippings wiederum kann ich (derzeit nur via USB) herunterladen und können von mir sofort weiter genutzt werden und müssen nicht erneut von Hand abgeschrieben werden. Das Teilen von Inhalten in sozialen Netzwerken hingegen geht direkt vom Gerät aus. Und das bei äusserst geringem Energieverbrauch. In den vier Wochen, die ich das Gerät jetzt besitze, habe ich es erst einmalig zu Beginn vollständig laden müssen.

Ich kann den oben genannten Punkten nichts entgegen stellen, was irgendjemanden, zumindest solange er lesen möchte, davon abhalten sollte, einen Kindle oder einen anderen eBook Reader zu nutzen. Ich möchte Bücher und Zeitungen weder verbrennen noch vermeiden und sie haben weiterhin ihre Daseinsberechtigung und Wertigkeit. Alle Inhalte mit Bildern und Grafiken, die auf eine starke visuelle Präsentation setzen, werden in ihnen angemessen gezeigt. Alle Inhalte die rein textbasiert sind im Kindle bestens dargestellt.

One Response to “Kindle aus der Sicht eines Spätberufenen”

  1. Amazon baut am eBooks Monopol | Lonely People Talk A Lot

    [...] etwas über einem halben Jahr habe ich den Kindle noch als tolles Gerät über alles gelobt. Mittlerweile sind Schatten aufgezogen, die mich von dem Gerät nicht mehr ganz so überzeugen. [...]

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