Ich möchte meinen Artikel über die Re:publica 10 noch um weitere Belege ergänzen um die These: “Internet, ein Wohlstandsproblem” zu stärken. Ohne Verschwörungstheorien weiter zu verfolgen beobachte ich derzeit zwei Phänomene mit großem Interesse. Wobei dieses Interesse eher dem Interesse ein einem Unfall entspricht: “Es ist schrecklich, aber ich kann nicht weg sehen.”
1. OneClickActivism:
Nur weil ich auf meinem digitalen Profil einer Seite oder Gruppe beitrete, die sich für den Schutz des Regenwaldes einsetzt, trägt dies in gar keiner Weise zum Schutz des Regenwaldes bei. Wozu macht man dies dann?
Auf der einen Seite definitiv aus persönlichem Engagement. Die grüne Seele blickt hervor und es tut ja auch nicht weh, sich zum Schutz der Umwelt zu bekennen. Speziell wenn es so einfach mit einem Click geschehen kann. Aber wieviel ist dieses Bekenntnis wert? Kann ich anschließend gleich ins Möbelhaus gehen und mir schöne Tropenwaldstücke zulegen? Ok, soweit würde vermutlich keiner gehen, aber dennoch behaupte ich, dass man diese Bekenntnisse eher auf Grund der Aussenwirkung macht, als das man wirklich die Ziele einer solchen Bewegung aktiv verfolgt. Sicher, ein öffentliches Bekenntnis kommt Werbung für die Idee gleich. Aber die Idee allein ohne persönliches Engagement bleibt eine reine Idee. Ein Worthülse zur Stärkung des eigenen Charakters.
2. Konsumrebellion:
Ich bin mit Sicherheit weder ein Freund von Wham noch ein Freund der Fernsehcastingshows, ABER: Gegenkonsum sorgt in diesem Fall für höheren Gesamtkonsum. Um die Leser abzuholen: Weihnachten 2009 organisierte ein Gruppe Menschen in England mit Hilfe diverser Online-Plattformen einen Konsumkrieg im Musikmarkt. Normalerweise stehen an der Spitze der britischen Charts vor Weihnachten Wham mit “Last Christmas”. Die Initatoren hinter der Bewegung haben dies erfolgreich verhindert, indem sie ihre Mitstreiter dazu aufforderten, Rage Against The Machine mit “Killing In The Name Of” an die Spitze der Charts zu befördern. Es hat funktioniert. Ein netter Gag. Das was ich nun für den aktuellen Konsumkrieg sehe erschreckt mich mehr:
Zum Status: Im Moment kämpfen zwei Bewegungen gegen den designierten No. 1 Startplatz für den Gewinner der aktuellen Stafel von DSDS. Einmal Blümchen mit Boomerang und auf der anderen Seite Led Zeppelin mit Stairway To Heaven. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sich alle daran beteiligten im Klaren sind, wer am Ende des Tages der Gewinner ist. Denn eigentlich kann es nur einen geben. Die Musikindustrie. Dieser Konsumkriegt führt am Ende des Tages nur dazu, dass von allen drei sich herauskristallisiernden Favoriten mehr gekauft wird, als es sonst von einem Einzelnen gekauft worden wäre. Es steht nicht die Entscheidung “OB?” zu Debatte sondern nur “WAS?”. Eine Konsumentscheidung die auf keinerlei Konkurrenz zwischen den Titeln aufbaut, sondern einzig und allein ein Rat Race anfeuert um die Spitze der Charts. Rebellion durch Konsum zeigt sich allerdings nicht an Bestsellerlisten oder Charterfolgen. Konsumrebellion bedeutet für mich Konsumverweigerung gegenüber den Produzenten. Verzicht und Intoleranz. Denn im aktuellen Beispiel sehe ich zwei Effekte: Gegner von DSDS kaufen viele Titel der anderen beiden. Es ist an sich auch kein hoher Betrag, 0,99 € für einen Download kann man verschmerzen. Fans des neuen “Superstars” kaufen hingegen viele Titel des Bohlentitels, denn auch hier gilt. Was sind 0,99€ wenn ich damit den Rebellen eines auswischen kann. Am Ende greift die Logik der Skaleneffekte nach dem jeder gekaufte Titel in der Kasse der Musikindustrie klingelt. Am Ende stellt sich die Frage: “Was bringt mir ein Titel meiner Plattensammlung auf Platz 1 der Charts?”
Naja, wenn ich mir den obigen Post jetzt so ansehe stelle ich erschreckenderweise fest, dass ich vielleicht den einen oder anderen Leser nun dazu gebracht habe, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen. Bitte nicht. Wer keinen Bock auf DSDS hat soll sich einen Titel kaufen der ihm tatsächlich gefällt, die Kohle stecken lassen oder dem nächsten Obdachlosen geben oder in den Klingelbeutel werfen. Denn am Ende kann man dem Produzenten nur mit einem Schaden zufügen. Verzicht auf seine Produkte.