Nach dem Abendessen steht das dreckige Geschirr auf der Spüle und der Ruf nach der Verdauungszigarette drängt sich auf. Mist, keine Kippen mehr. Es ist kalt und dunkel. Ungemütlich. Der nächste Automat liegt zwei Blöcke weiter.
Als Ausweg in der Not bietet sich die Kneipe gegenüber an. Benannt nach dem deutschen Kapitalzentrum wirbt es schon an der Eingangstür mit rauchender Zigarette auf blauem Hintergrund. Distanz zwischen der markierten Tür und meiner Wohnungstür sind vier Stockwerke plus eine Straßenüberquerung. Bisher habe ich den Laden gemieden und auch keine empirischen Untersuchungen vom Wohnzimmerfenster aus angestellt um mich über die Besucher des Etablisments zu informieren. Von außen wirkte es einfach nur unattraktiv. Farbiges Ornamentglas in Sproßen eingefasst in Kombination mit dem aussen angebrachten Schild erwecken den Anschein, der Innenraum sei eben so undurchsichtig wie die eingesetzten Fenster. Sitzen im Rauch unzähliger Zigaretten die einen Dunst entwickelnd der nur noch mit einem Messer getrennt werden könnte.
In dieser dunklen, harten, kalten Nacht ändert sich diese Ansicht blitzartig. Plötzlich das befürchtete Moloch als erhoffter Hort wohliger Wärme, der mich davor behütet vollständig auszukühlen. Ich entscheide mich für die Entdeckungsreise. Die drei Stufen hinauf, ich öffne die Tür und alle Blicke sind auf mich gerichtet. Es sitzend die Notleidenden auf Bänken. Anscheind sind schon alle da. Freude erkenn ich auf keinem Gesicht, in keinem der Augen, die nur entfernt an die Parallelität mir bekannter Blicke erinner. Es ist noch nicht wirklich spät, der Rauch beachtlich, antialkoholische Getränke kann ich auf den ersten Blick auf keinem der Tische entdecken. Einer steht auf und bewegt sich im taumelnden Wiegeschritt auf mich zu.
“Was willste?”,
“Kippen…”
“Hammer nicht.”
“Wo dann?”
“Über den Park und dann am Kindergarten, steht ein Automat.”
“Danke, Tschüss.”
Das ich da nicht selber drauf gekommen bin? Logischer Prozess, Kinder abliefern, Kippen ziehen und dann ins Frankfurter Stübchen. Immerhin kenn ich jetzt einen Automaten der deutlich näher ist als die mir zuvor bekannten.
February 27th, 2009 - 21:02
[...] Habe ich vor 14 Tagen noch über die meiner derzeitigen Wohnung gegenüberliegende Kneipe gesprochen, so musste ich mit Beginn dieser Woche feststellen, dass ich geistesgegenwärtig das Requiem fürs Frankfurter Stübchen geschrieben habe. Waren zu Beginn der Woche nur die verrauchten und verschranzten Einrichtungsgegenstände vor der Tür gestanden und die Lichter des Nachts nicht mehr erleuchtet, sind seit heute morgen auch die farbigen Ornamentfenster im “Schau-hier-bloß-nicht-rein” Stil verschwunden. [...]