So martialisch, wie sich der Titel anhört bin ich normalerweise nicht. Das Buch ist es umso mehr. John Niven ist der Autor. Seines Zeichens selbst früher A&R Manager bei einer Plattenfirma beschreibt auf gekonnt sarkastische Art und Weise das Geschäft mit Populärmusik, so wie er es vermutlich wahr genommen hat und wie es sich eventuell tatsächlich auch darstellt. Genau beurteilen kann ich es leider nicht, da ich selbst nie wirkliche Einblicke hinter dem Produkt der Band und deren Produkt, der Musik, sammeln konnte. Alleine seine Ausführungen über Indiebands lassen mich jedoch schon zweifeln, ob ich nicht selbst auch viel zu sehr auf Plattenfirmen und die dahinter stehenden Geschäftspraktiken hereinfalle.
Das Buch ist chauvinistisch, aus der Superegoperspektive des Hauptdarstellers, pornoströs, drogengeschwängert und teilweise auch gewaltverherlichend. Der Titel ist Programm. Ich würde es nicht jedem empfehlen und kann aus meiner Sicht sagen: Ich finde mich in diesem Buch nicht wieder. Nichtsdestotrotz gibt es zwei Zitate, die ich sehr stark und außergewöhnlich gut finde (auch wenn ich nur die deutsche Übersetzung zitieren möchte).
Seite 122 in der vierten Auflage, der Hauptdarsteller ist gerade auf dem Rückweg von der Baustelle seiner Investition: Ein Haus, welches er von einem Bauträger in einem hip-werdenden Viertel aufmöbeln lässt und anschließend verkaufen möchte. Er sinniert darüber, dass dieses Projekt komplett auf Pump finanziert sei und überschlägt im Kopf die Hypotheken und Kredite die er dank seines modernen Lebensstils zu begleichen hätte. Auf dem Rückweg macht er folgende Beobachtung:
“Ich fuhr wegen des Meetings zurück ins Büro. Mit runtergelassenem Verdeck schlich ich durch Landbroke Grove und blieb im Verkehr stecken – direkt gegenüber eines Pubs. Der Laden war bis vor Kurzem noch ein mit abgewetzten Teppich ausgelegtes Loch mit schalem Satellitenfernsehen und Mikrowellen Pasteten. Jetzt gibt es dort polierte Eichenböden und frische, gebratene schottische Forellen. Reifüberzogene Champagner- und Sauvignonflaschen glitzern hinter den Glastüren der Weinkühler. Auf dem Bürgersteig davor steht ein uralter, zerlumpter Einheimischer in Mantel und Mütze und lauscht mit grimmigem Gesicht dem kreischenden Gelächter und dem Sound der Propellerheads, der aus der Jukebox dröhnt. Er ist gut und gerne achtzig Jahre alt und schielt durch dicke Brillengläser auf die Menütafel. Darauf liest er, dass die Empfehlung des Tages Meeresfrüchte-Linguine mit irischem Wildhummer, Jakobsmuscheln und Garnelen ist. Ebenso gut könnte auf der Tafel stehen: “Gehe nach Hause und stirb, du verfickte alte Drecksau.” Ich muss lächeln. Welche Kriege und Depressionen, welche Nöte und Demütigungen hat dieses arme Schwein durchlitten? Als Heranwachsender hat er unbestritten die übelste Zeitspanne des 20. Jahrhunderts durchlebt, bloß um seine Tage als Zeuge dieses Scheißdrecks zu beenden.”
So hart die Sprache dieses Zitats auch sein mag. Im Endeffekt zeigt es die weiche Seite des Protagonisten. In stillen Momenten wirkt er nachdenklich, fast sensibel und mitfühlend. Seine Gedanken sind in einer Klarheit formuliert, deren Wahrheit schmerzt. Die Ellenbogengesellschaft schiebt die Alten und Schwachen zur Seite. Rücksichtslos wird teuer mit gut gleichgesetzt. Und die Guten, die sich das Teure leisten können wollen unter sich sein. Egal auf was ihr Wohlstand aufgebaut ist.
Das nächste Zitat, welches mich sehr beeindruckt hat findet sich auf Seite 155: Steve Stelfox, die Hauptfigur in diesem Roman befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf der Beerdigung des Kollegens, den er im vorherigen Kapitel aus purem Neid auf dessen Beförderung umgebracht hat. Die Polizei verdächtigt ihn nicht, sondern geht von einem Raubmord aus. Kurz summiert Steve die unterschiedlichen Kriminaltaten, die dem Bekanntenkreis widerfahren sind, um mit folgendem Satz zu schließen:
“London ist wirklich gut zu mir. Die Straßen sind voll von Verdächtigen, und die Motive ihrer Taten sind mit Leuchtschrift auf die Häuser und Autos geschrieben.”
Eine erneute Punktlandung mit unglaublicher Klarheit. Ich denke an Zeitungsberichte in denen ich über Bedrohungen zwischen Jugendlichen bezüglich eines iPods gelesen habe. Und die zugehörige Werbung die sich für diese Produkte in den Straßen befand. Das Produkt zum Statussymbol stilisiert sprengt den moralischen und sozialen Wert des Eigentums.
Vielleicht habe ich den einen oder anderen Teil des Buches nicht so gründlich gelesen oder ich fand im Rest keine Zitate mit dieser Deutlichkeit. Auch wenn es sich hierbei um Popliteratur handelt und Sprachwissenschaftler nur verächtlich lächeln können, möchte ich das Buch dem urbanen Yuppie von heute nahe legen, um sich oder sein Umfeld darin teilweise wieder zu finden.
Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Der Lesegenuss ist äusserst kurzweilig.