Der zweite Tag des Mobilecamps Dresden begann mit leichtem Verschlafen, obwohl ich am Tag zuvor noch damit geprallt habe in bayrischer Tradition einen Messe zu halten. 8 Uhr, noch vor dem Beginn des ersten Tagesordnungspunkt. Frühstück. Somit habe ich mich ums Frühstück gebracht und die Anderen um eine Messe. Zumindest für sie stellte sich mein Verschlafen als glücklicher Umstand heraus. Hunger habe ich des Morgens in der Regel eh nicht und passender weise war eben die Sessionplanung abgeschlossen und ich suchte mir als erste Veranstaltung des Tages: Social Location aus.
Die Ziele, die die beiden Leiter für diese Veranstaltung hatten waren gut, aber die Umsetzung hat zumindest mich nicht weiter gebracht. Ok, ich gebe zu, ich habe mich mit dem Thema lange nicht mehr auseinander gesetzt und Plazes und Qype nutze ich auch nur selten. In einer Fragegrunde der Teilnehmer habe ich so von einigen neuen Diensten dieser Art erfahren. Brightkite war mir zwar ein Begriff, aber ich hatte es noch nie probiert. Ebenso Buddy Cloud. Die Unterscheidung dieser Dienste zum wirklichen Tracking der Position einer Person liegt darin, das Social Location mehr wert auf die Tags der Positionen legt, als auf die tatsächliche Position die durch Longitude und Latitude beschrieben werden kann. Eigentlich nicht doof, den eine Koordinate allein kann mich zwar zum Ziel führen, doch wenn ich nicht zumindest eine Karte darüber lege, ist die Aussagekraft eines x und y Werts gleich Null. Es sei denn er liegt in einem Bereich, der gar nicht vorhanden ist. Dann ist die Aussagekraft nicht Null, sondern Mist. Was soll dort sein? Da diese digitalen Karten jedoch vorhanden sind und die Sticky World mit ihren Daten ein Informationsnetz über das Punktnetz gelegt hat und ich die Koordinaten mit zig Programmen in Karten einbinden kann, werde ich persönlich nicht zur Social Location zurückkehren. Es ist einfach zu praktisch, wenn ich meine Position automatisch tracken lassen kann und diese Information so denjenigen die es interessiert (vermutlich Niemand) zur Verfügung stellen. Faulheit siegt. Außerdem hält meine Position deutlich weniger Daten über mich vor, als wenn ich durch meine Tags noch persönlichen Kontext und Inhalt hinzufüge (auch wenn ich behaupte, es interessiert Niemanden).
Der zweite Tagesordnungspunkt den ich mir ausgesucht habe war: Mobiler Erfolg in Afrika und in Entwicklungsländern. Ein sehr spannendes Thema, welches mit der Aussage startete: „Bei mobilen Anwendungen sind die Industrieländer Entwicklungsländer.“ Erinnerte mich etwas an einen Artikel den ich passender Weise kurz zuvor auf netzwertig entdeckt habe. Diese These wurde damit belegt, dass wir Industrienationen damit beschäftigt sind, uns Problemstellungen ausdenken zu müssen um dann mit der mobilen Technik diese Probleme zu lösen. Notwendig ist es nur bedingt. In Entwicklungsländern ist dies anders. Auf Grund der fehlenden Infrastruktur von Festnetz und Breitband können dort mit Hilfe von mobilen Lösungen Probleme der dortigen Bewohner gelöst werden. Kommunikation ist eines der Themen, aber nur am Rande interessant. Um das Thema Handy und Mobile Kommunikation interessante Nischenwirtschaften, bzw -formen entstanden. Das grundlegende Problem in diesen Ländern ist definitiv der fehlende Wohlstand, sprich es fehlt am Geld. Da sich nicht jeder Einwohner ein eigenes Handy leisten kann aber an eine Prepaidkarte kommen kann, die nur funktioniert wenn er zuvor Geld eingezahlt hat, haben sich Handyverleiher etablieren können. Auch wenn das für mich etwas seltsam wirkt. Ein System das ich mir gut funktionierend vorstellen kann. Ich könnte mein Handy eigentlich auch von Zeit zu Zeit abgeben, habe aber die Angst dann nicht erreichbar zu sein. In Entwicklungsländern hat man nur die Angst, niemanden erreichen zu können. Ein anderes Modell das kurz vorgestellt wurde war, der Kiosk, der dazu einlädt sein Handy dort aufzuladen, da der Kiosk einen funktionierenden Generator besitzt und die Aufladestation zusätzliche Kunden in den Kiosk spielt. Für was überhaupt Handys und Mobiltelefone? Natürlich zu Kommunikation. In Ländern, in denen Kommunikation bisher meist nur im direkten Gespräch oder per Post durchgeführt wurde ermöglicht das eigene Telefon die engere Kommunikation mit Freunden und Familie, sowie direkten Zugang zu den Handelszentren und Warenbörse der Region um aktuelle Marktpreise oder die politische Situation zu erfahren. Doch auch diese Kommunikation unterscheidet sich von der, die ich kenne. Während für uns SMS eine billige Form der Kommunikation darstellt ist es für viele der Bewohner der Regionen unerschwinglich und günstiger, wenn sie kurze Statusmeldungen an Hand von „Anklingeln“ abgeben. Ich weiß jetzt nicht genau den dahinter liegenden Code, aber ich könnte mir zu Beispiel vorstellen: „Wenn ich dreimal klingeln lasse, komme zu mir.“ , „Wenn ich zweimal klingeln lasse, komme ich zu dir:“ oder „Wenn es einmal klingelt, habe ich keine Zeit für ein Treffen.“ Vielleicht fehlt mir hier auch nur die nötige Kreativität um noch mehr hinein zu interpretieren. In was sich die Teilnehmer dieser Session einig waren ist, dass das Internet für den afrikanischen Kontinent an Hand fehlender Breitbandanschlüsse noch eine geringe Bedeutung hat. Diese Bedeutung kann auf Grund der hohen Kosten auch nicht so schnell vom mobilen Netz abgelöst werden. Die grundlegende Frage die bleibt ist: „Wie können moderne Geräte und Techniken, vorhandene Probleme günstig und effektiv lösen?“ Den internationalen Konzernen wurde hier die Kompetenz abgesprochen, da sie ihr Handeln in der Regel immer auf Profit ausrichten. Dennoch gibt es auch löbliche Beispiele, wie unterschiedliche Projekte von IBM, die in Zusammenarbeit mit NGOs angegangen werden.
Die letzte Diskussion vor dem Mittagessen der ich beiwohnte handelte vom Dauerbrenner: Datenschutz. Die einleitende Frage war: „Kann man durch mangelnden Datenschutz sterben?“ Die Antwort ist ja. Zwar nicht direkt, aber indirekt bedingt. Sei es durch Mord der durch den Neid oder die Missgunst meiner Daten ausgelöst werden kann, oder aber durch langsames und schmerzhaftes Verhungern, da mich meine Daten nicht mehr am gesellschaftlichen Leben und Markt teilnehmen lassen. Die Aussage, diese Probleme gäbe es nicht, wenn jeder alle seine Daten freigeben müsste wurde anschließend auch verneint, da sich niemand seiner vollständigen Daten bewusst ist. Ich war seit Monaten nicht beim Arzt oder bei einer Vorsorgeuntersuchung. Wer weiß, vielleicht bin ich unheilbar krank? Hoch ansteckend? Im Moment kann ich diese Daten noch kontrollieren oder die Erhebung dieser Verhindern. Wenn ich mir vorstelle wir bekommen von Geburt ab einen RFID-Chip in den Hintern gesetzt und auf allen Toiletten wird ein Exkrementenscanner eingebaut, der dem zentralen Sammelpool meinen aktuellen Gesundheitszustand mitteilt, komme ich am Ende wieder zu dem Problem, dass ich eventuell keine Krankenversicherung abschließen kann, da diese meine Daten konkret nach Unregelmäßigkeiten, sprich Risiken untersuchen könnte. Die totale Datenerhebung scheitert am Problem der Missgunst unserer Gesellschaft. Solange wir nicht alle zu Altruisten und Philantropen werden sind unsere Geheimnisse die Sicherung unserer Freiheit. Sollte dieser hypothetische Fall eintreten, dass wir von Neid und Missgunst geheilt sind, dann können wir uns auch Safes, PIN-Nummern und Haustürschlüssel schenken. Dann kann auch jeder meine Daten einsehen. Aber solange ich befürchten muss, dass meine Daten einen negativen Effekt auf mich haben, versuche ich soweit möglich meine Daten für mich zu behalten. Wobei dies nur teilweise beeinflussbar ist. Welchen Datenfußabdruck habe ich in meinem bisherigen Leben hinterlassen? Was haben Telekommunikationsanbieter, Finanzinstitute und Staat über mich gesammelt? Philipp meinte spöttisch, es wäre an der Zeit seinen CO² Fußabdruck dem der Daten anzupassen. Sollte ich dieses Ziel verfolgen, könnte ich einige Male um die Welt reisen und das schlimme wäre, selbst mit diesen Reisen würde ich in gleicher Weise auch meinen Datenabdruck vergrößern. Vielleicht sollte ich Anfangen die Wohnung bei geöffnetem Fenster zu heizen, oder Bücher verbrennen. Eine der wenigen Möglichkeiten CO² zu erzeugen und keine weiteren Daten zu produzieren. Kann man Daten, die digital einmal in die Welt gesetzt wurden eigentlich vernichten? Sollte es heute auf Grund von physikalischer Bindung ans Medium CD/DVD oder Festplatte noch möglich sein, wird dieser Ansatz in der Zukunft des: „Cloud Computing“ schwer werden.
Nach Wraps und Suppe gingen die Gespräche draußen am See weiter über die Themen, die in der Diskussionen zuvor angerissen wurden. Nach der ausgeprägten Mittagspause folgte eine Session von Robert Basics zum Thema: „Einkaufen im Jahre 2020“ Relativ schnell landeten wir wieder beim Thema Datensicherheit und Datenmissbrauch. Ein bisschen gelangweilt dieser Dikussion bezog ich nun die Gegenposition: „Ihr, die Angst habt, dass eure Daten euch verraten könnten benehmt euch wie Kleinkriminelle.“ Hat wirklich jeder von uns Leichen im Keller zum Zeitpunkt derer Ermordung er sich nicht im Klaren war, dass er etwas falsch, oder zumindest Regel- und Gesetzwidriges begeht? Wie gesagt, auch ich habe gewisse Angst vor Daten die über mich gesammelt werden, von denen ich nichts weiß, die jedoch die Möglichkeit beinhalten mir negative Konsequenzen einzubringen. ABER: Wo ich mich bewege und was ich mache hat einen Grund und ich bin dafür bereit die volle Verantwortung zu übernehmen. Ansonsten war der Vortrag ähnlich dem vor dem Mittagessen und das Thema hat sich trotz dem eigentlichen Schwerpunkt: Mobile als Hauptdiskussionsgegenstand erwiesen.
Leider folgte darauf nur noch eine weitere Session bei der zwei Vertreterinnen von yoc über Augmented Reality gesprochen haben. Im Sitzkreis habe ich mich etwas selbst-gehorstet, als ich die Definition von Augmented Reality nicht gelten lassen wollte und die Bedeutung hinterfragte. Egal wie man diese Geschichte am Schluss nennen wird (ich nehme mal an, die Erfinder des Begriffs haben schon jetzt gewonnen und daher schwenke ich die weiße Flagge) es wird unser Leben maßgeblich beeinflussen. Demonstrationen zweier Mobile Applikationen zeigen auf, dass wir in Zukunft einen intuitiven Umgang mir der Außenwelt pflegen werden können. Die Anwendung für Werbung gleicht mehr der Anwendung für Spiele und bringt mir persönlich noch keinen Mehrwert. Wobei ich mir beim Spiel zu zweit durchaus vorstellen kann, diesen auch entdecken zu können. Brave New World.
Was ist mein Fazit zu diesem Barcamp? Ein durchweg positives. Die gute Organisation, die rege Teilnahme und die zahlreichen Diskussionen haben mir weitere Einsichten gebracht. Wobei in meinen Augen der stärkste Vortrag der zum Thema: „Mobile Couponing“ darstellt. Mobile Couponing stellt für mich die erste Schnittstelle für Performancetracking zwischen Mobiler Werbung und Transaktion in der realen Welt dar. Meine Prognose ist nun, dass genau dieser Weg von Affiliateagenturen und auch von Anbietern lokal bezogener Daten sehr bald eingesetzt werden wird um ihre Maßnahmen und Produkte dem Mobilen Bedürfnissen und Gegebenheiten anzupassen. Auf alle Fälle hat es sich gelohnt ein Wochenende in Dresden zu verbringen und trotz strahlendem Sonnenschein vor der TU, die Zeit in „geschlossenen“ Räumen zu verbringen.
April 27th, 2009 - 23:43
Hallo Moritz,
danke für Deine flinke und ausführliche Berichterstattung
Eine Anmerkung noch zu:
“Den internationalen Konzernen wurde hier die Kompetenz abgesprochen, da sie ihr Handeln in der Regel immer auf Profit ausrichten.”
Wenn ich mich nicht irre, war das eine Teilnehmermeinung, die recht “binär” ausgerichtet war. Moderne CSR (Corporate Social Responsibility) Ansätze verknüpfen Verantwortung und Wirtschaftlichkeit, so dass diese auch nachhaltig durchgeführt werden können und nicht beim ersten Anzeichen einer Krise aus Spargründen gestrichen werden. Zumindest in einer folgenden inoffiziellen Session am See sind wir da durchaus auf Symbiose Effekte zwischen Konzernen und NGOs gestossen, die allerdings nicht in die Abhängigkeit führen sollten…
Echt spannende neue Entwicklungen…