Lonely People Talk A Lot

Yuppies in Urbanity

Raum Schiff Erde #rse10

February 22nd, 2010 written by moritz

Die Überschrift hört sich ein bisschen an, wie die Sci-Fi Version von “Stadt Land Fluß”, ist aber was ganz anderes. Etwas abgedreht und dem Sci-Fi näher, als das klassiche Rythmusvorbild, jedoch kein Spiel, zumindest nicht im Ganzen. Thematisch behandelte diese Unkonferenz das Digitale an sich. Der Einfluss des Digitalen auf unser tägliches Leben und die sich daraus ergebenden Änderungen. Laut Veranstalter gewissermaßen ein Ableger der Reboot, in Hamburg, an einem Sonntag. Schön. Der Veranstaltungsort gut gewählt. Im Bahnhof Hamburg Harburg, dort im Jazzclub zwischen Gleis drei und vier. Das erinnert etwas an Being John Malkovic und den Eingang in dessen Kopf. (Ich glaube bei Harry Potter war da auch irgendwo so ein Zwischengleis auf dem der Zug nach Hogwarts in die Zauberschule abfuhr, aber bei Harry Potter bin ich nicht wirklich sattelfest.) Egal ob ich jetzt den Vergleich zum Einstieg in andere Köpfe oder magische Momente beschwöre, beides ist passend und es war ein Nachmittag in netter Atmosphäre mit interessanten und weniger interessanten Vorträgen. Das vollständige Programm kann hier eingesehen werden wo sich mittlerweile auch eine umfangreiche Linksammlung befindet. Die Twitterlist der Teilnehmer findet sich hier.

The web is the message

Ein Vortrag von Christian Jung über die Zukunft des Musikbusiness und wie es funktionieren könnte. Zu meinem bedauern muss ich sagen, dass der Inhalt des Vortrages mich nicht wirklich begeistert hat. Am interessantesten fand ich den Hinweis auf Gerd Leonhard, einem sogenannten Media Futurist. Auf dessen Blog die Überraschung, er bietet Podcasts an, die exklusiv über seine eigene, kostenlose iPhone-App bezogen werden können. Schräg, sind wir soweit, dass wir uns nach eigenem Weblog auch noch eine eigene App basteln sollen um exklusive Inhalte zu veröffentlichen? Interessantes Vertriebsmodell, bei dem ich als Non-iPhonebesitzer aussen vor bin. Ist das die Zukunft der Inhaltsdistribution? The Web is the message? Erinnerungen kommen hoch an Vergleiche mit kastrierten Pudeln und selbsternannten Social Media Beratern. Aber das war nicht das Thema von Christian Jung. Was hat er eigentlich gesagt? Das Musiker Social Media Tools authentisch nutzen sollten und nicht nur für Werbebotschaften. Ganz im Sinne von “The Web is the message”. Meine Frage ist: Gibt es vielleicht eine Welt hinter der Message? Muss man im Bereich Social Media nicht auch auf Kommunikation und Austausch setzen? Vielleicht sollte sich der Musiker aber auch weiterhin auf die Musik konzentrieren und die Bewerbung und die Verbreitung seiner Inhalte der Masse überlassen? Mir fehlten erfolgreiche Beispiele neuer Distributionskonzepte von Künstlern wie Trent Reznor oder auch Radiohead. Kommerzieller Erfolg ganz ohne Label mit kostenlosen Inhalten. Die Musikaufzeichnung verstanden als eigentliches Marketinginstrument für Konzerte und Exklusivproduktionen. Digitale Musik muss frei sein, kostenlos da die Reproduktion der Inhalte weder Wertmindernd noch  Diebstahl geistigen Eigentum ist. Nur wie können wir die Existenz von Künstlern und Musikern sichern, wenn wir die bisherigen Distributionsmodelle abschaffen? Nur über Konzerte und Auftritte? Spenden? Ich weiß es nicht, einzig eines erscheint mir klar. Die Dinosaurierapparate die heute im Hintergrund stehen werden aussterben oder sich gesundschrumpfen müssen. Schade, auch dort haben viele Leute ihren Lebensunterhalt verdient.

Protonet – Changing the Internet one node at a time

Ein klasse Vortrag und eine schöne Präsentation über die Befreiung des Internets von den Kommunikationsgiganten aus den Händen der Privatwirtschaft, das Netz zurück in die Hände der Gestalter, der Bereitsteller der Inhalte. Eine Infrastruktur die im Besitz aller ist. Meine Daten auf meiner Node, wenn ich meine Node abschalte sind meine Daten weg für die anderen und bei mir. Ausserdem sehe ich Möglichkeiten diese Nodes in Ländern auszurollen, die heute von allen Geschwindigkeitsnetzen ausgeschlossen sind, die nicht teil haben dürfen, am Datenaustausch großer Mengen. Eine tolle Vision, eine schöne Idee, ich werde die Umsetzung weiter beobachten.

Urban Play

Kars Alfrink sprach kurz über seine Ansichten von Spielmöglichkeiten im Urbanen und die nicht notwendige Verkümmerung der Innenstädte zu Konsumregionen. Ansonsten war sein Vortrag eine analoge Linksammlung unterschiedlicher Beispiele für Urbane Games. Hubbub als Agentur für Urban Games, The Soho Project, Cruel 2 B Kind, Smokescreen, World Without Oil, Chromaroma, Tweenbots und The Hidden Park als Beispiele für Urban Games, für Augemented Reality Games, für Multiplayer Games und irgendwie auch Alternate Reality Games. Was hinter den jeweiligen Titeln steckt konnte ich mir in der Kürze der Zeit nicht merken und sah mich mit dem Problem konfrontiert, welches ich heute noch habe, wenn ich davon berichten will, was wir damals mit dem ersten Alternate Reality Game in Deutschland umgesetzt haben. Rettet-den-Fußball.

Bewegende Pixel

Daniel Schäfer zeigte einen Einblick in die Entwicklung von Online und interaktiven Filmen. Interessante Konzepte, Umsetzungen und Möglichkeiten. Am Ende des Tages bleibt das klassische Problem, welches ich mit Videoinhalten im generellen habe. Der zeitliche Aufwand um den Inhalt zu verstehen ist zu stark abhängig von der Dauer des Videos. Ich kann Passagen nur schlecht überspringen, sondern muss mir die Filme in voller Länge ansehen. Das gefällt mir grundsätzlich nicht, ich lese lieber aber das Potential für bewegte Bilder im und aus dem Netz sehe ich durchaus. Vielleicht werden genau Filme den Durchbruch des semantischen Webs vorantreiben, wenn die Inhalte des Ablaufs des Videos so beschrieben sind, dass sie von Maschinen verstanden werden können und mir diese dann genau den gesuchten, relevanten Inhalt ausspucken.

Über Stühle, Sushi und die Granulatsynthese

Steffi Beckhaus von der Uni Hamburg sprach über neue Bedienkonzepte und Oberflächen für Computer, Anwendungen, bzw. Maschinen im Generellen. Die beiden vorgestellten Konzepte waren ein Stuhl zur intuitiveren Steuerung von Computerspielen (zumindest wurde es an Computerspielen demonstriert) und ein Touch Table, der mit Granulat belegt war und mit dem verschiedene Anwendungen mit Hilfe des Verschiebens und Umhäufens des Granulats gesteuert werden konnten.

Pecha Kucha

Auch wenn ich das Konzept für Pecha Kucha erst kürzlich bei meiner Anmeldung zur Ignite-Veranstaltung in Hamburg kennen gelernt habe, gefiel mir das Konzept auf Anhieb und auch wenn die Vorgaben nicht absolut verbindlich umgesetzt wurden waren beide Vorträge gut. Benjamin Rabe zum iPhone Fingerpainting wofür sich das Pecha Kucha Konzept hervorragend geeignet hat und Birgit Geiberger, die über die IxDA gesprochen hat. Für zweiteres Thema fand ich Pecha Kucha nicht so gelungen, zu viel Information als das es in 20 Slides a 20 Sekunden gut vermittelt werden könnte. Einfach zu viel Inhalt oder es scheiterte einfach und allein an meiner Aufnahmekapazität zu diesem Zeitpunkt. Aber dennoch scheint die IxDA eine interessante, informative und starke Konferenz gewesen zu sein.

Closing Keynote

Thomas Madsen-Mygdal, einer der Initiatoren der Reboot, sprach die finale Keynote. Über die Notwendigkeit unser Gesamtsystem, welches mittlerweile einfach heiß gelaufen ist, neu zu starten. Er sprach davon, dass nichts was wir derzeit erleben wirklich neu ist, sondern sich “nur” unser Verhalten ändert. So wie Rechner neu gestartet werden müssen, wenn die Performance und das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten nicht mehr richtig klappt. Mich erinnert es an die Geschichte des Frosches im Kochtopf. Wenn man einen Frosch, in einen Kochtopf mit heißem oder sehr warmen Wasser setzt, wird er sofort versuchen, den Topf zu verlassen und das rettende Ufer zu erreichen. Wenn ein Frosch, in einen Kochtopf mit kaltem Wasser gesetzt wird und dieser stetig erhitzt wird, merkt der Frosch die langsame Veränderung der Wassertemperatur nicht und lässt sich zu Tode kochen. (Ich habe dies gelesen und nie selbst probiert.) Ich stimme Thomas zu. Wenn Systeme sich in eine Richtung verändert haben, aus der sie nicht mehr zu befreien sind, hilft oft der große Knall. Die radikalste Form der Lösung. Der Neubeginn. Wie dies vollständig umgesetzt werden kann reduziert er auf fünf Patterns: HUMAN, PARTICIPATION, TRUST, FREE und ACTION.

Diese fünf Patterns möchte ich gerne so stehen lassen und dem geneigten Leser, der sich bis hierher durchgekämpft hat die Interpretation dieser überlassen. Zum Abschluss möchte ich mich bei den Organisatoren für einen gelungen Sonntag Nachmittag bedanken und wünsche mir weitere Veranstaltungen dieser Art im näheren Hamburger Umland.

4 Responses to “Raum Schiff Erde #rse10”

  1. Monic

    Wenn Dich das Thema der unabhängigen Netzwerke und Open Infrastructure wirklich interessiert, schau mal bei http://www.freifunk.net rein ;) Du hast genau den Punkt getroffen: was wir in Berlin oder Hamburg als Spielwiese begreifen, hat in ländlichen Gebieten und Ländern mit wenig entwickelter Infrastruktur eine noch viel höhere Relavanz und Dringlichkeit. (zum Beitrag von Protonet)

    Viele Grüße, Monic

  2. 18 Konferenz-Tipps für Produktmanager, Designer und UX-Experten - produktbezogen.de

    [...] noch nicht so ganz klar, was wir da eigentlich anstellten… Dem Publikum auch nicht, denn in einer wunderbaren Blog-Kritik stand: „Die Überschrift hört sich ein bisschen an, wie die Sci-Fi Version von Stadt-Land-Fluß, [...]

  3. RSE15 am 22.2. in Hamburg – Urania

    [...] ganz klar, was wir da eigentlich anstellten… Dem Publikum auch nicht, denn in einer wunderbaren Blog-Kritik stand: Die Überschrift hört sich ein bisschen an, wie die Sci-Fi Version von Stadt-Land-Fluß, [...]

  4. Raum Schiff Erde Epilog – Urania

    [...] for your participation and your good vibrations. RSE10 is documented in various ways: on twitter, some blog postings, and a photo set by Helge who managed to capture the mood perfectly (gallery, 23). [...]

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