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Re-publica 2010

April 20th, 2010 written by moritz

Das Internet, ein Wohlstandsproblem

2500 Blogger und Social Media Enthusiasten trafen in Berlin vom 14. April bis zum 16. April zusammen. Vielversprechende Themen und Namen von Vortragenden stehen für ein interessantes Programm. Ich fand die Veranstaltung sehr gut organisiert und auch das erneut schwache Funknetzwerk konnte mir die Laune nicht verderben, eher im Gegenteil. Sobald ich mich damit abgefunden hatte, kein Netz zu bekommen legte ich meine digitalen Geräte zur Seite um mich mehr auf die Ausführungen der Vortragenden zu konzentrieren. Daher mein Lob an die Organisatoren, für den zu zahlenden Preis eine wirklich gute Veranstaltung. Die Themen und Vorträge bieten die Möglichkeit aus dem bekannten Rahmen auszubrechen und sich nicht ständig mit neuesten Techniken, Plattformen und Diensten beschäftigen zu müssen. Stattdessen Hinterfragen der Kultur, dem Einfluss auf die Gesellschaft, die nahe Zukunft.

Ich verzichte dieses Mal im Gegensatz zum letzten auf eine Auflistung der besuchten Veranstaltungen. Die herausragenden Eindrücke werden unten dokumentiert und ich möchte mehr auf meinen persönlichen Eindruck der diesjährigen Re-publica eingehen.

Die Euphorie ist gedämpft

Der beste Vortrag kam von Peter Kruse:

Mit 89 Folien in 60 Minuten belegte er eindrucksvoll die Ergebnisse einer Studie unter Hardcore Netznutzern, deren Ansicht über das Netz sich geradezu diametral über alle Altersgrenzen hinweg gleich verhält. 50% sehen die Chancen der freien Kultur, 50% haben Angst vor der totalen Überwachung. Wie gesagt, bei Hardcore Netznutzern. Aufgrund dieser Betrachtung geht Peter Kruse davon aus, dass diese Abgrenzung sich wie eine Mauer durch die gesamte Bevölkerung zieht. Er unterteilt sie in “Digital Residents” und “Digital Visitors”, wobei Erstgenannte eher optimistisch sind und die Chancen des Netzes erkennen, nutzen und davon profitieren wollen. Zweitere sind dagegen eher skeptisch und haben Angst bezüglich Datensicherheit, Interessen von Privatunternehmen und der Webgemeinde. Dies ist die extreme Zuspitzung der Ergebnisse, aber irgendwie bekannt. Ich kann es nur bestätigen und auch die Re:publica hat mich diese Überzeugung gelehrt.

Digital Visitors:

Waren zu Hauf da, Journalisten und Theoretiker, die sich dem Netz zwar hingeben, am Ende aber doch etwas verängstigt sind, da sie nicht wissen, wie es tatsächlich funktioniert. Ich würde der Gruppe der Digital Visitors auch gerne die ganzen selbsternannten Social Media Experten hinzurechnen. Diese sind im Moment zwar als einzige voller Euphorie, da man Social Media besser verkaufen kann als sonstige Dinge die im Netz möglich sind, deren Euphorie wird allerdings nach den ersten misslungenen oder umgeschlagenen Social Media Kampagnen in Skepsis umschlagen. Das ist noch nicht der Fall, aber meine Vermutung.

Digital Residents:

Die Coder, Entwickler und Unternehmer. Sie wissen wie was funktioniert und wie sie sich von den Gefahren des Internets fern halten können. Entschlossen die Welt zu verbessern entwickeln sie Tools und Teilchen für alles was sich irgendwo im Long Tail befindet. Spielereien für Kleingruppen die sich für StarWars, Lego oder andere Skurilitäten interessieren. Also meist von sich für sich.

Ähnlich zwiegespalten wie es Peter Kruse skizziert hat, waren auch die Besucher und Vortragenden. Wobei ich gestehen muss, dass ich mich vermutlich mehr in Vorträgen der Digital Visitors aufhielt, als in Vorträgen der Digital Residents. Ersteren ordne ich z.B. Miriam Meckel zu, Jeff Jarvis wäre eher das Gegenteil, wobei ich mich hier nicht endgültig festlegen möchte. Außen vor ist Götz Werner. Sein Denkanstoß zum bedingungslosen Grundeinkommen brachte etwas Interdisziplinarität in die Veranstaltung auch wenn er sich den vermutlich immer gleichen Fragen stellen musste.

Sollte sich jemand fragen wo ich mich sehe, eindeutig Digital Visitor.

Stagnation der Websociety:

Auch wenn die Blogosphäre langsam dazu übergeht den Mund aufzumachen und Unternehmen wie Apple nicht mehr bedingungslosen Gehorsam schwören, sind diese Ansätze nur unzureichend formuliert. Während sich bezüglich der Vertriebskonzepte von Apple langsam die Überzeugung durchsetzt, das Apps zu nichts anderem dienen, als den Herstellern von Content, im klassischen Sinne den Publizisten, wieder die Werkzeuge in die Hand zu geben, die Inhalte über Applikationen zu kontrollieren (oder kann mir jemand verraten, wie ich auf Inhalte in Apple-Applikationen verlinke?) traute sich niemand Vorschlägen zur Transparenz des Netzes vorzustellen. Was bleibt ist ein Sumpf.

Anstatt sich ein Herz zu nehmen und sich für die umfassende Transparenz auszusprechen wird weiterhin das Ideal der Anonymität hochgehalten und verteidigt. Und genau hier liegt in meinen Augen der Hase im Pfeffer. Ich glaube nämlich nicht, dass diese Anonymität aufrecht erhalten wird um Bürgern von totalitären Systemen die Möglichkeit zu geben, ihre freie Meinung zu äußern. Bürger totalitärer Systeme und im Speziellen Gegner dieser totalitären Systeme haben keinen Nutzen vom derzeitigen Netz. Wenn Sie überhaupt die Möglichkeit besitzen, im Netz systemkritische Gedanken zu formulieren ist zu diesem Zeitpunkt dem System schon einhellig bekannt wer sie sind und was ihre politische Gesinnung ist. Anonymität wird von Menschen gefordert, die in meinem Staat, in meinem System leben. Sie möchten diese Anonymität nutzen um sich unerkannt Pornografien an zu sehen oder unerkannt auf den Profilen anderer Nutzer schnüffeln.

Das Beispiel welches ich hierzu anführen möchte ist auch direkt auf der Veranstaltung der Re-publica geschehen. Melissa Gira Grant sprach über Sex und Internet (leider habe ich nur das Ende gesehen, auf welches ich mich jetzt beziehe) und wählte sich abschließend live ins Chatroulette ein um dort das häufige Auftreten masturbierender Männer zu demonstrieren. Mit Erfolg. Von sechs Kontakten die sie in kurzer Zeit durchlief waren derer zwei auf der Leinwand zu sehen. Und nun stellt sich mir die Frage: For what? Würden diese Personen, wenn nicht in der Anonymität geschützt dies auch mit ihrem vollständigen, echten Namen machen? Ich glaube nicht und ich möchte jetzt auch nicht als prüde oder Feind der sexuellen Revolution gelten. Es ist einfach widerlich und unglaublich langweilig. Wenn wir das Netz nur nutzen um unsere Instinkte zu befriedigen, kann ich gerne darauf verzichten. Denn diese Instinkte brauchen die Anonymität. Ein Mensch, der Gefangener eines totalitären Systems ist, oder noch schlimmer repressiver Gewalt, Hunger oder Krankheit ausgesetzt ist, interessiert sich vermutlich nicht die Bohne um seine Anonymität. Eher das Gegenteil könnte der Fall sein. Er möchte aufstehen und sagen: “Seht her, das bin ich und mir geht es beschissen. Ist dort irgendjemand der mir verdammt nochmal was zu Essen geben kann?” Und wir zeigen ihm: Anonyme Geschlechtsorgane. Auf diese Art und Weise trägt das Netz mit Sicherheit nicht zur Verbesserung der Zustände bei.

Ja, auch ich mag die Anonymität des Netzes, aber ich würde diese opfern, wenn dafür die allgemeine Transparenz für alle zunimmt. Denn nur dann sehe ich eine mögliches rechtliches Korsett des Netzes, welches auf dem gleichen Prinzip wie das unseres Gesellschaftslebens basiert: “Die Einschränkung meiner Freiheit, ist die Freiheit der Anderen.” (nach Rosa Luxemburg)

Und hier fehlt mir die Klarheit und Strukturiertheit in der Debatte, die notwendig ist, dem Netz mehr als Konsum abzuringen. Dann können wir von politischem und ideologischem Diskurs sprechen, wenn Worte nicht von Unbekannten kommen, sondern wenn sich dahinter ein Mensch, ein Charakter versteckt. Ich greife nicht die Meinungsfreiheit an und wenn dies jemand vermutet, dann nicht über das Ausmaß hinaus, welches in unserer Gesellschaft auch heute schon gilt. Die Meinung über den Holocaust kann von jedem gehandhabt werden wie es will. Spricht er seine Meinung aus und widerspricht diese den Tatsachen handelt es sich um eine Straftat. Und genau dies möchte ich gerne auch im Netz angewendet finden.

Ansonsten stehen am Ende des Tages viele da und kommen vermutlich auf das gleiche Fazit welches ich von der Re:publica 2010 ziehen muss:

“So viel Information, doch nirgendwo Aktion.”

One Response to “Re-publica 2010”

  1. Konsumrebellion | Lonely People Talk A Lot

    [...] möchte meinen Artikel über die Re:publica 10 noch um weitere Belege ergänzen um die These: “Internet, ein Wohlstandsproblem” zu [...]

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