Als Konsument der Hochleistungsgesellschaft erklärt es sich von selbst, am letzten Tag wieder pünktlich auf der Konferenz zu sitzen und den letzten Vorträgen zu lauschen. “Political Evolution: Social Media in the Mideast” war der Titel des ersten Vortrages, den Philipp und ich besucht haben. Ursprünglich eher aus Langeweile und weil die Stühle im Friedrichstadtpalast so bequem waren. Dieser Vortrag entpuppte sich jedoch dann ziemlich schnell als große positive Überraschung. Das kleine zierliche Mädchen, Esra’a Al Shafei das die Bühne betrat, hielt ein feuriges Plädoyer über die Vorzüge des Internets, von Blogs und Communities, in Ländern, deren autoritäre Regime die Rechte ihrer Bürger und vor allem Bürgerinnen missachten, wobei missachten der falsche Ausdruck ist, da die Rechte eben von diesen autoritären Systemen gemacht sind. Allerdings decken diese Rechte nicht im Ansatz die Menschen- bzw. Grundrechte die unser deutsches System kennt ab. Freie Meinungsäußerung, Kritik, sprich Redefreiheit sind dort Fremdworte. Das Netz und die von Esra’a gestalteten und gehaltenen Webseiten bilden eine Austauschfläche und die grundsätzliche Möglichkeit für deren Mitglieder sich zu organisieren und gegenseitig zu unterstützen. Ein sehr, sehr guter Auftritt, der die unglaubliche Sendemöglichkeit des Netzes zeigt. Wir in unserer pseudo-aufgeklärten Welt, deren mediale Sprachrohre ihr politische Ausrichtung quasi im Impressum mitliefern, sollten genau an Hand Vorträgen solch starker Persönlichkeiten unseren Umgang mit den etablierten Sendeanstalten überdenken und stärkeres Interesse sowie eine eigene Meinung an den Tag legen. Diese letzte Veranstaltung, der ich meine volle Aufmerksamkeit widmete bringt mich nun auch zu einem durchaus wohlwollenderen Fazit, das ich der Re-publica ausstellen möchte. Anschließend kam zwar noch Jimbo Wales, der Gründer von Wikipedia auf die Bühne, ein von mir erwarteter Höhepunkt, allerdings war das Niveau des Vortrags eher ein Verkaufsvortrag. Die Zuhörenden dankten dies mit wohlwollenden Fragen wie: “Dear Mr. Wales, why have you chosen the name Wikipedia?” Um diese Antwort bei Wikipedia zu googeln braucht es keinen Vortrag, keinen Jimmy Wales, vielleicht ein bisschen Lektüre am Zeitgeist entlang und ein gesundes Gefühl für Trends. Das eigentlich spannende Thema, wieso Wiki-Search, als Konkurrent zu Google gestartet, zu Beginn der Woche eingestellt wurde, wurde ausgelassen. Überraschendes kann man vielleicht dem Aspekt abgewinnen, dass Wikipedia derzeit ca. 25 Mitarbeiter hat. Dies ist, für ein Unternehmen dieser Bedeutung durchaus beachtlich. Aber was solls. Den Großteil der Bedeutung ist schließlich den unzähligen freiwilligen Autoren zu verdanken. Um keinen falschen Verdacht aufkommen zu lassen, ich mag Wikipedia und das dahinter stehende Konzept. Aber ich hätte mir mehr gewünscht an Visionen, Ideen oder Zielen. So erweckte es ein bisschen den Anschein als ob es nur noch darum ginge, den Dienst zu verwalten, von Zeit zu Zeit Spenden zu sammeln und zu versuchen, die Fehlerquote weiter zu reduzieren.
Auch wenn ein paar Leser mich verwundert gefragt haben wieso es mir gefallen hat, obwohl der Blog meist eher negativ war, hier die Antwort.
Ich motze einfach zu gerne und tue mich leichter im kritisieren. Es war meine erste Re:publica. Der große Titel: “shift happens” und die Untertitel Politik & Gesellschaft 2.0 haben mich mit anderen Erwartungen anreisen lassen. Diese wurden nicht erfüllt. Gefallen hat es mir trotzdem. Empfehlen möchte ich es allen, die dazu bereit sind sich mit den Möglichkeiten der Netzkommunikation tiefer gehend zu beschäftigen. Weniger Empfehlen würde ich es denjenigen, die auf der Suche sind nach Geschäftsmodellen im Netz. Web2.0 bedeutet eigene Probleme lösen und diese Anderen zur Verfügung zu stellen, Mitmenschen aus aller Welt begeistern und ihnen helfen Großes zu leisten.
Ich hatte meinen Spaß und meinen Input. Natürlich könnte ich über die einzelnen Vorträge und Eindrück auch länger lamentieren. Aber dann hätte ich den Rest des Jahres nichts mehr zu sagen oder schreiben. So gehen wir dahin in Frieden und sehen welche Früchte die Saat in unseren Köpfen enstehen lässt.
April 26th, 2009 - 23:07
[...] neu, die Ausstattung gut und das WLAN ist ein Gedicht im Vergleich zu den Erlebnissen auf der Re:publica. Die Anzahl der Teilnehmer irgendwie überschaubar, so dass zu Beginn auch eine klassische [...]
April 20th, 2010 - 18:43
[...] verzichte dieses Mal im Gegensatz zum letzten auf eine Auflistung der besuchten Veranstaltungen. Die herausragenden Eindrücke werden unten [...]