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Schockfilm: Antichrist

November 3rd, 2009 written by moritz

Direkt als Cineasten würde ich mich nicht bezeichnen. Auch wenn ich gerne ins Kino gehe. Und oft. Wenn möglich und bei einigermaßen passendem Programm sonntäglich.

So auch gestern. Es lief Antichrist. Ein heftiger Film. Unglaublich intensive Bilder. Pornografische und gewaltverherrlichende Szenen. Alles am Rande der Geschmacklosigkeit. Es wird voll drauf gehalten mit einer Liebe zum Detail, die mich regelmäßig gezwungen hat, die Augen zu schließen um die Bilder nicht sehen zu müssen. Der Schmerz war schon zum Zeitpunkt der Andeutung der Handlung omnipotent.

Kurz zur Story. Erste Szene. Schwarzweiß, Zeitlupe, ein Paar im Liebesakt. Penetration in Großaufnahme. Das gemeinsame Kind bricht aus seinem Gitterbett aus. Sieht seine Eltern und das vom Wind geöffnete Fenster. Draußen Schnee. Das Kind erklimmt den Tisch, Spielzeug purzelt hinab, drei Zinnfiguren: Schmerz, Trauer und Verzweiflung. Kurz darauf stürzt das Kind aus dem Fenster. Alles immer noch schwarzweiß, in Zeitlupe, das Kind in der Schwerelosigkeit. Das Bild gleicht dem Cover von Nirvanas Nevermind. Im Aufschlag stob nur der Schnee auf. Kein Geräusch. Seit Beginn: Händels Rinaldo übertönt jegliches Geräusch, das der Handlung zugehörig wäre.

Kurzes Sprung in die Beerdigung. Die Frau bricht zusammen. Das nächste Mal ist sie im Krankenhaus. Der Mann möchte sie befreien. Er selbst Psychologe will ihr helfen aus Trauer und Angst zu entkommen. Als Quell der Angst entpuppt sich die Waldhütte in der die Frau ihre Dissertation schreiben wollte und den letzten Sommer mit dem Kind dort verbracht hat. Sie wirkt zerbrechlich, unschuldig, schutzbedürftig. Dennoch ist sie von einer unglaublichen Angst getrieben, nach dem Kind auch noch ihren Mann zu verlieren, der sie nicht mehr als Partnerin, sondern nur noch als Patientin sieht. Dieses verstärkt sich noch durch seine Ablehnung des gemeinsamen Sex. Die Frau überwältigt ihn in regelmäßigen Abständen. Zu Beginn kann zumindest noch von überwältigen gesprochen werden. Im Laufe des Films gleicht es Vergewaltigungen. Höhepunkt, als sich ihre Angst verlassen zu werden in unermessliche steigert, schlägt sie ihn von hinten nieder. Sie wälzen sich auf dem Boden und sie reißt ihm die Kleidung vom Leib. Als er sie von sich stößt hebt sie einen Holzscheit auf und drischt es ihm mit voller Wucht auf die Hoden. Der Mann fällt in Ohnmacht, einzig allein seine Erektion bleibt bestehen. Die Frau masturbiert diese Erektion. Der Orgasmus zeigt sich in einem Schwall Blut.

Um ihn nach seinem Erwachen nicht zu verlieren holt die Frau einen Bohrer und schraubt dem Mann einen Schleifstein durch den Unterschenkel und wirft den Schraubschlüssel weg. Als er zu sich kommt versucht er den Stein zu lösen. Als dies misslingt tritt er die Flucht mit Stein an. Die Frau bemerkt sein Verschwinden. Brüllend versucht sie ihn aufzuhalten. Zu finden. Vor Schreck sie näher kommen zu hören versteckt er sich in einem Fuchsbau. Als die dort befindliche, vermutlich tote Krähe zu schreien beginnt und ihn verrät findet ihn die Frau und versucht ihn aus dem Fuchsbau zu ziehen. Als dies misslingt kehrt sie zurück zur Hütte um einen Spaten zu holen. In den darauf folgenden Szenen denke ich sie hätte ihn schon getötet. Getäuscht. Bei Nacht hat sie ihn ausgegraben und bringt ihn zurück zu Hütte. Dort der Höhepunkt der Auseinandersetzung. Sie nötigt ihn erneut zum Geschlechtsverkehr. Als sie ihn bittet sie in den Arm zu nehmen, hat sie eine rostige Schere in der Hand. Großaufnahme ihres Geschlechts. Die Schere angesetzt. Es folgt die weibliche Selbstbeschneidung. Sie steigert sich in einem unsagbarem Schrei. Die Frau fällt in Ohnmacht oder ist zumindest benommen. Es betreten die drei Symbole des Films den Raum. Die Krähe, der Fuchs und das Reh. Sie stehen für das wiederkehrende Symbol der drei Bettler. Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Wenn diese drei Symbole erscheinen muss jemand sterben. Der Mann findet den Schraubschlüssel und schafft es, sich des Schleifsteins zu entledigen. Trotz massiver Gegenwehr der Frau, die er, nachdem er sich der Fußfessel befreit hat, tötet und anschließend auf dem Scheiterhaufen verbrennt. Der Epilog: Der Mann, auf eine Krücke gestützt verlässt die Idylle. Zu Händels Rinaldo. Als letzte Einstellung strömen unzählige, gesichtslose Frauen auf den Mann zu.

Die beiden Hauptdarsteller, Charlotte Gainsbourg als verstörte Frau, ängstlich, traurig, eingeschüchtert. Als sie erkennt nur noch Patient ihres Mannes zu sein, ein Vergleich zu Klaus Kinski ist auf Grund der ausgeprägten Gesichtsfurchen naheliegend, dreht sie durch. Entwickelt sich zur Bestie. Linkisch drischt sie ihn von hinten nieder. Erniedrigt ihn. Vergewaltigt ihn. Zeigt das böseste, was man sich von Menschen erwarten kann. Womit?

Vermutlich mit Recht. Der Mann, der seine Frau zu diesem Zeitpunkt nur noch als Forschungsobjekt betrachtet. Als Spielplatz für seine Theorien und Instrumente. Endlich ein Fall an dem er seinen psychologischen Werkzeugkasten vollständig ausreizen kann. Gespielt von Willem Dafoe. Stark.

Die Abartigkeit der Menschheit in wenigen, ruhigen aber dennoch überspitzt heftigen Bildern konzentriert. Ein starker Film für starke Nerven. Die ersten Zuschauer verließen den Film schon zu Beginn des Ausflugs ins Grüne. Ich sah ihn bis zum Schluss. Dennoch verließ ich den Film verstört.

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2 Responses to “Schockfilm: Antichrist”

  1. Albert

    Ich habe lange gesucht, um ein Review zu finden, das den film wenigstens annähernd beschreibt. Deine ist mit Abstand die beste und stärkste in der Reihe.
    Jedoch fehlen mir 2 wesentliche Punkte:

    1. Die Selbstverständlichkeit und Überheblichkeit, mit der Dafoe seine Frau aus dem Krankenhaus holt, weil er der Meinung ist, sie ohne Medikamente mit seinen psychologischen Methoden besser heilen zu können…hier spricht keine rationale Überzeugung sondern die typische, männliche Arroganz für alles eine Lösung zu haben und alle Probleme auf seine Art lösen zu können.

    und 2.
    Lars von Trier hat einen frauenfeindliches Bild, dass auch hier deutlich wird. Denn am Ende wird in einem Rückblick deutlich, dass die Frau beim Akt in der ersten Szene ihr Kind sehen konnte, wie es aus auf den Tisch stieg und aus dem Fenster fiel. Sie sah es und tat nichts…hintergrund scheint ihr Wille zu sein, ihren Mann sexuell zu bedienen..ihn glücklich zu machen…ihn zu binden.
    In Verbindung der Beschneidung könnte man sogar meinen, dass sie ein Opfer ihrer eigenen Libido ist…sprich eine Egoistin…einnehmend…Bindung um jeden preis…ob durch leidenschaft oder gewalt (verkehrte Schuhe beim kind!)

    Abschließend ist zu behaupten. Genauso wie die Natur in diesem Film als “böse” dargestellt wird….ist auch die Frau ein teil dieser.

    Sie ist das, was keiner einer Frau zutraut….von Natur aus Böse.

  2. moritz

    Hallo Albert,

    erstmal herzlichen Dank für die Blumen, es freut mich wenn dir die Zusammenfassung gefällt. Ursprünglich sollte diese deutlich kürzer ausfallen, aber der Film bietet dann doch zu viel, als das man es in einfach mal kurz abhandeln könnte. Bezüglich deiner Interpretation stimme ich dir zu. Jedoch wollte ich mich aus dieser Geschlechterinterpretation bewußt zurückhalten, da ich nicht weiß, ob das Geschlecht der Person an sich egal ist. Könnten die Rollen nicht auch andersrum verteilt sein? Ist die Quintessenz des Films nicht unabhängig von den Geschlechterrollen?
    Mir erscheint der Knackpunkt eher im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehung. Ganz Satre: “Die Hölle sind die Anderen.”

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