Lonely People Talk A Lot

Yuppies in Urbanity

Shopping for Blood

February 26th, 2013 written by moritz

Februar 2013, London, Oxford Street: Topshop. Auch wenn mir der Sinn nicht wirklich nach Shoppen steht, schließe ich mich den Anderen an. Wenn sich schon die einmalige Möglichkeit bietet, schnieke Mode für wenig Geld zu erstehen. Theoretisch.

Praktisch erlebe ich hautnah eine Demonstration der psychologischen Kriegsführung im Einzelhandel. Nach 60 Minuten fühle ich mich erschöpft, ausgelaugt, zurückgeblieben und frustriert. Kaum über die Schwelle getreten empfängt mich irgendeine Elektromusik, in ziemlich hoher Lautstärke. Unterhaltungen sind ab jetzt nur noch ähnlich wie in einer Diskothek zu führen. Schreiend. Vor mir quellen die Kleiderständer über mit Stoffen und Taschen in den wildesten, undefinierbaren Farbmischungen. Zwischen den Kleiderständer andere Kunden auf der Suche nach der individuellen Geschmacksverirrung.

Gemeinsames Ziel scheint hierbei zu sein, möglichst viele Teile auf zu nehmen um vor sich einen Schutzwall aufzubauen der allen zeigt: “Vielleicht schau ich im Moment noch scheiße aus, aber ich arbeite daran.”

Wobei mir persönlich schleierhaft ist, wie manch einer sich in die angebotenen Hosen zwängt.

Merke:

Skinny ist das neue Slim, und Spray ist das neue Skinny.

Aber Slim trag ich persönlich eigentlich nicht mehr wenn die Hose passen soll. Alle anderen halt jetzt noch enger. Wenn auch nur auf dem Arm.

Meine Begleiter die mit mir den Laden betreten haben, habe ich zu dem Zeitpunkt schon verloren. Um nicht komplett aus der Reihe zu tanzen greife ich von Zeit zu Zeit gekonnt in die Kleiderständer um mein Interesse vorzutäuschen, da mir sonst ständig irgendwelche Mitarbeiter per Handzeichen Hilfe anbieten. Doch was ich zu Greifen bekomme langt sich schlecht an und ist als Krönung mit irgendwelchen hippen Schnörkeln oder anderen Zeichen verziert. Meist lege ich es umgehend zurück. Nachdem ich mich auf diese Weise durch die Herrenabteilung gehangelt habe erblicke ich am Treppenabgang mein Spiegelbild:
Ich sehe einen alten, verwirrten Mann mit Baggy-Jeans – offensichtlich ein Provinzler.

War die Herrenabteilung noch von gedeckten Farben dominiert fühle ich mich in der Damenabteilung wie Alice im Wonderland. Smileys, Neonfarben, Batik und Tiermuster doch statt Humpty Dumpty passiere ich die Dame, die für die laute Elektromusik zuständig ist. Zumindest ist sie entsprechend hinter einem Mischpult drapiert. Was sie dort macht ist mir nicht ganz schlüssig. Vielleicht handelt es sich bei dem Pult auch um eine Erholungsoase und der Kopfhörer blendet die Musik aus. Immerhin wirkt sie im Vergleich zu den anderen Menschen in dieser Etage relativ relaxed. Menschlicher Geist und Körper können bekanntlich einiges ab und vielleicht stellt sich eine gewisse Toleranz ein, wenn man nur oft und lange Zeit in den Räumlichkeiten verbringt. Nur leider finde ich in diesem Labyrinth aus Farbreflexen meine Begleiter auch nicht. Also noch ein Stockwerk tiefer. Dort angekommen finde ich zu meiner Überraschung zwar immer noch keinen vertrauten Gesichter, dafür allerdings einen Coffeeshop der nicht sonderlich einladend wirkt, aber dennoch gut besucht ist.

Da meine Suche immer noch nicht beendet ist, betrete ich die nächste Rolltreppe um mich kurz darauf wieder ein Stockwerk höher zu finden. Langsam setzt ein gewisser Tunneblick ein. Ich fühle mich wie in einem zu schnell geschnittenen Musikvideos. Meine Augen fokusieren nur noch Millisekunden. Kurz vor dem Einsetzen der Trance treffe ich zumindest meine Begleiter mit Teilen auf den Armen und einem Lächeln im Gesicht wieder.

Mein Versagen ist offensichtlich.

Man begleitet mich zum Ausgang.

 

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