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Tocotronic Album Release

January 24th, 2010 written by moritz

Schall und Wahn
Ich bin euch Untertan
Ich bin euch zugeteilt
Ich bin ein Teil des Teils

So beginnt der Titelsong des neuen, gleichnamigen Tocotronic Albums. Erschienen ist es am Freitag, 22. Januar. Abends sollte es im Rahmen des Spex 30 Live Konzerts im Übel und Gefährlich vorgestellt werden. Die Tickets habe ich schon lange und mein kleiner Bruder Jakob aus Berlin hatte sich auch schon lang angekündigt mich an diesem Tag zu besuchen um mit mir daran teil zu nehmen. Haben wir dann auch gemacht. Zuerst zum Album.

Auch wenn mich die Berichterstattung der letzten Woche, bzw. der letzten Tage vor dem Konzert etwas überrascht hat: Titelseite in der Welt Kompakt, Artikel in SPON, Süddeutsche, Tagesschau, Cover der Spex, viele mehr und sogar fürs lustige Taschenbuch. Ihm war nicht zu entrinnen. Was sehen wir dort? Der letzte Aufstand der alten Garde? Wird es kein zehntes Album mehr geben? Oder soll der Titel des Albums möglichst authentisch gelebt werden, indem die Propagandamaschine gefüttert wird? Ist dies eher Schall oder Wahn?

Das Album ist gut, toco-like. Wenig anders als die letzten drei, aber die eindeutig erkennbare Handschrift der Popotronic, dazu der weiter verbesserte Gesang von Dirk von Lotzow gepaart mit Texten, deren eindeutige Doppeldeutigkeit unendlichen Raum zur Interpretation und Transformation in alle Lebensräume lässt, ohne arrogant oder besserwisserisch zu wirken. Subtiler Widerstand. Subtile Kritik aber eingängig. Nach dem ersten Durchhören freute ich mich richtig aufs Konzert.

Leider war es kein Tocotronickonzert, sondern die Veranstaltung einer bedeutenden Musikzeitschrift, die ihren 30igsten Geburstag feiern wollte. Das Übel und Gefährlich dennoch ausverkauft bis auf den letzten Platz. Wir treten zu Beginn der ersten Vorband, Final Fantasy ein. Die Violine schmerzt meinen Ohren, Final Fantasy nutzt die Violine als Leadinstrument und baut aus Fragmenten ständige Loops. Es tat einfach nur weh. Das Rest des Publikums wirkte auch nicht wirklich angetan davon. Wieso auch. Seitenscheitel und langer Pony, die Mehrheit männlich. Eindeutig: Tocotronic Anhänger. Freundlich, Final Fantasy nicht beleidigend, aber grundsätzlich wartend. Irgendwann war es dann auch vorbei und nach kurzer Umbauphase kamen sie auf die Bühne. Euphorisch empfangen und selbst auch gut gelaunt. Es machte fast den Eindruck als seien sie froh, wieder live spielen zu dürfen, Grinsen umspielen die Münder als alte Kalauer in Richtung Bühne gedroschen werden. Der Ruf nach “Michael Ende” wird mit breitem Grinsen quitiert. Hier sind Zuschauer, die die Band lange kennen, hier ist eine Band, die sich freut an der Geburtstätte ihres Zusammenschlusses wieder vor den Langzeitanhänger aufzutreten. Ein Konzert unter Freunden. Die Opener vom neuen Album, die tatsächliche Playlist habe ich mir nicht gemerkt. Gespickt mit ein paar Songs von vorangegangenen Alben, “Let there be Rock” und “Drüben auf dem Hügel” und “Jungs hier kommt der Masterplan” noch herausragend, da diesmal auch in Vier-Mann Besetzung vorgetragen, endet das Konzert mit “Gift”, dem ebenso letzten Lied des neuen Albums. Naja, Gitarrenvirtuosen werden Tocotronic vermutlich nicht mehr, aber sie haben es versucht. Mir zu Art-Rock-Schwülstige-Gitarrensoli-Verzerr-Gedöns, leider war danach dann nach ca. 60 Minuten und dem Song Schluss. Noch eine Zugabe, mit Querverweis auf das veranstaltende Musikmagazin, die 93 als erstes deutsches Musikmagazin über Toco geschrieben haben. Da muss man dann anscheinend unterwürfig sein. “Die Idee ist gut, doch…” und schon war Schluss und es ging weiter mit Reggae.

“Liebes Spex Magazin,

ich möchte mich für 30 Jahre Musikjournalismus bedanken und hoffe ihr hattet ebenso viel Spaß an der Sache wie es eure Leser mit der rezitierten Musik hatten. Es ist bedauerlich, wenn auch eure Auflage im Zuge der Modernisierung der Medienwelt schmilzt, Anzeigenpreise ausfallen, der Umsatz einbricht und Bands ihre Vermarktung auch ohne euch zu Stande bekommen. Ja, der Eigentümer will Rendite und wenn er die aus dem Zeitschriften- und Anzeigenverkauf nicht mehr erhält, dann macht ihr halt auch Konzerte. Es ist auch ein willkommener Aufhänger für Konzerte zum 30igsten Geburtstag 30 Euro Eintritt zu verlangen, eine loyale Band zu verpflichten und ihr einen Termin zu geben, den sie sowieso wahr genommen hätte und die Zuschauer in ihrem veränderten Musikkonsumverhalten zu melken.

Danke für die fehlende Loyalität und Verachtung gegenüber den eigenen Kunden.

Danke das ihr auch mich gemolken habt.

Ich möchte euch einen Satz mitgeben: Digital ist Besser

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6 Responses to “Tocotronic Album Release”

  1. Walter

    Lieber Moritz,

    toll, dass Du am Freitag bei unserem kleinen Fest als Gast dabei warst, und ebenso toll zu lesen, dass Du ein glühender Freund der Gruppe Tocotronic zu sein scheinst.

    Was mir als Mitarbeiter der Spex und somit Mitveranstalter beim Lesen aber nicht in den Kopf will: Wieso, »gemolken« und »30 Euro« und das parallel zum Dreißigsten des Heftes, der doch erst im September ist? Die Karten kosteten 28,nochwas Euro, aber das ist ein hinsichtlich der Produktionskosten von drei Live-Acts und drei DJs ein übersichtlicher Preis – und sicherlich kein Wucher. Schon gar kein ›Abmelken‹ unserer Leser bzw. Gäste.

    Erfreulicher Weise steigt unsere Auflage, statt zu sinken – wenn auch langsam, aber in Zeiten des Medienwandels ist das doch eine erfreuliche Nachricht. Konzerte richtet die Spex zudem ja nicht zum ersten Mal aus: Im letzten Jahr feierten wir im Berghain Berlin, auch in den Jahren zuvor gab es mit dem »Monsters of Spex« die ›ein oder andere‹ Live-Veranstaltung bzw. Festivals.

    Und: Wieso fehlende »Loyalität und Verachtung«? Das leuchtet mir beim besten Willen nicht ein. Außerdem: Wieso sollten wir Tocotronic (bzw. umgekehrt) das Wort sprechen? Das ist eine erwachsene Band, die genügend Konzerte gespielt und Alben veröffentlicht hat, um einem Gastgeber keinen Zucker in den, Du weißt wohin, pusten zu müssen. Dass Sie sich dennoch über den Auftritt freuen, ist natürlich schön. Aber ihnen Unterwürfigkeit nachzusagen? Nee. Vielleicht willst Du Dir ihre Diskografie noch einmal vornehmen und nachhören?

    Viele Grüße und bis Mai im Berghain, Berlin, was ja ein schöner Anlass wäre, um Deinen Bruder zu besuchen.

    Walter

  2. Anna

    Wenn die Geige von Owen Pallett dir in den Ohren wehgetan hat, ist dies vielleicht ein generelles Problem, dass du mit dem Instrument hast. Ich persönlich fand den ganzen Auftritt sehr gut und die Leute um mich herum schienen alles andere als abgeneigt, sondern fröhlich und positiv überrascht.

  3. kommander

    Also mit deiner Kritik gegenüber den Veranstaltern liegst du aber weit daneben. Wie bereits gesagt, drei Acts + drei DJs für 30 Euro, das ist doch in Ordnung. Außerdem zwingt dich ja keiner, hinzugehen. Zumal ich unterstelle, dass Spex Konzerte nicht (nur) aus Marketingzwecken veranstaltet, und sicher auch nicht, weil das große Geld damit zu machen ist, sondern aus Liebhaberei. Wenn du dich an dem Abend für nichts Anderes als für Tocotronic interessiert hast, dann ist das dein Problem und du hättest genausogut auf die Konzerte der Band im März warten können – die übrigens genausoviel kosten. Ich fand an dem Abend auch nicht alles gelungen und Kritik darf man natürlich äußern – aber dem Veranstalter vorzuwerfen, dass er etwas veranstaltet, das finde ich schon ein wenig dreist.

  4. moritz

    Danke erst mal für die Antworten und eure Aussagen.

    @Walter: Zackige Antwort, Respekt, es lebe die digitale Welt. Ich bin einfach persönlich etwas genervt, 30 Euro (oder 28,xx) für eine Veranstaltung auf den Tisch zu legen, die im Vorfeld kampagnenhaft mit Titelseite des Mainacts in vierfacher Ausfertigung in eurem Magazin beworben wurde. Dann spielt dieser Mainact, der wie du richtig vermutet hast, Hauptgrund meines Besuchs war nur 60 Minuten. In so einem Fall fühle ich mich einfach verarscht, speziell da mir das Programm davor und danach nicht wirklich gefallen hat. Dabei gab ich der Veranstaltung nach Tocotronic auch noch zwei Stunden die Chance, mir das Gegenteil zu beweisen. Da ihr Veranstalter wart und den Timetable vorgelegt habt, kann ich wohl schlecht einen der Künstler dafür verfluchen, dass er nur die vorgegebene Zeit gespielt hat. Das Risiko der unzufriedenen Besucher trägt der Veranstalter und ich als Gast einer Veranstaltung sehe mich durchaus dazu berechtigt meine Meinung kund zu tun. Spex ist in meinen Augen ein Musikmagazin und wenn ich was etwas über Popmusik lesen will kann es auch gut sein, dass ich es nutze und ab und zu gefällt es mir auch. Aber diese ganze Veranstaltung hat nach dem Besuch einen bitteren Nachgeschmack der Marketingsideeffects hinterlassen. Ihr habt Tocotronic beworben und mit einer Coverstory belohnt. Tocotronic hat ein neues Album heraus gebracht und konnte diesen medialen Support mit Sicherheit auch in den Verkaufszahlen ablesen. Dazu die Veranstaltung, auf der neben den schon gehypten noch weitere Bands und DJs vorgestellt werden. Sorry, am Ende des Tages sehe ich die berühmte Win-Win-Win Situation auf meine Rechnung. Ich bin auch auf der letzten Releaseparty von Tocotronic gewesen, auch im Übel und Gefährlich, und die hat mir einfach besser gefallen.
    Danke auch für den Tipp mit der Familienzusammenführung. Sollte ich jemals in die Verlegenheit kommen, Konzerte dafür zu benötigen Freunde oder Familie zu treffen, wünsche ich mir noch mehr Spex Veranstaltungen in ganz Deutschland. Bis dahin langt es mir erstmal.

    @Anna: Du hast natürlich recht. Ich mag die Geige als Soloinstrument nicht sonderlich, höchstens im Satz. Aber da mich das Aufgeführte eher anstrengte suchte ich Entspannung im Beobachten und so kam ich zu meiner obigen Meinung. Es liegt mir fern meine rein subjektive Meinung auf alle Besucher zu übertragen. Wenn es dir gefallen hat, schön, freut mich.

    @kommander: Es ist also unangebracht Kritik gegenüber einer Veranstaltung zu äußern die man besucht hat? Muss ich alles toll finden, was ich besuche und die Veranstalter dafür mit Lob eindecken? Und woher hast du die Gewissheit, Tocotronic hätten ihr Album nicht ebenso mit einem Releasekonzert präsentiert, wie sie es die letzten Male auch getan haben? Grundsätzlich wurden im Vorfeld Erwartungen geschürt, die sich mir nicht erfüllt haben.

    Als ich die Veranstaltung gegen halb drei verlassen habe, wurden im hinteren Bereich des Übel und Gefährlich bereits die Vorhänge zugezogen um die noch Anwesenden zu konzentrieren. Spricht nicht dafür, dass noch viele zum Bleiben animiert waren.

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  6. Tocotronic Album Release | Lonely People Talk A Lot

    [...] Auch wenn mich die Berichterstattung der letzten Woche, bzw. der letzten Tage vor dem Konzert etwas überrascht hat: Titelseite in der Welt Kompakt, Artikel in SPON, Süddeutsche, Tagesschau, Cover der Spex, viele mehr und sogar fürs lustige Taschenbuch. Ihm war nicht zu entrinnen. Was sehen wir dort? Der letzte Aufstand der alten Garde? Wird es kein zehntes Album mehr geben? Oder soll der Titel des Albums möglichst authentisch gelebt werden, indem die Propagandamaschine gefüttert wird? Ist dies eher Schall oder Wahn? Den originalen Beitrag finden Sie hier http://www.lonely-people-ta … | moritz [...]

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