Ein Freund hat mir ein Buch gegeben: Clint Witchalls: Die Pille und ich Ein Mann im Selbstversuch. Die Empfehlung war gut. Auch wenn ich mich fragen muss, wieso er das Buch von seiner Freundin geschenkt bekommen hat.
Sicherlich handelt es sich hierbei nicht um ein literarisches Meisterwerk, das man unbedingt gelesen haben muss. Auch die Handlung: Ein Mann macht bei einem Medikamentenversuch mit, um die hormonelle Verhütung für Männer auszutesten und beschreibt seine Erfahrungen mit dieser Therapie. Und genau diese Beschreibung ist wirklich gut, offen und ehrlich. Wenn es sich dabei um einen Tatsachenbericht handelt ohne fiktionalen Anteil gefällt mir das Buch noch besser.
Diese Selbsreflexion, der Mut sich öffentlich zum Horst zu machen zeugt von einem ausgeprägten Hang zum Masochismus. Zumindest für mich. Dieser Masochismus ist mir fremd. Obwohl viel weniger Leute diese Texte lesen, als das Buch. Doch nichts desto trotz zeugt dieses Buch auch von der journalistischen Freiheit, die es dem Autor erlaubt offen und ehrlich über seine Gefühle, Ansichten und Empfindungen zu quatschen. Mir liegt diese Fähigkeit fern. Nicht deshalb, weil ich es nicht kann. Im Gespräch sind solche Aussagen durchaus möglich. Auf der einen Seite will ich es nicht. auf der anderen kann ich nicht. Wieso kann ich es nicht? Dafür sind verschiedene Gründe ins Auge zu fassen, wobei es am Ende auf einen Punkt zusammengefasst werden kann: Angst vor Verlust. Ich weiß nicht wer es liest und kann diese Personen entweder verletzen, das in mich gesetzte Vertrauen missbrauchen oder mir dieses Vertrauen gar nicht erst erarbeiten. Deshalb empfinde ich das Schreiben auch als Balanceakt am Rande der Offenheit. Alles was ich schreibe ist ehrlich und irgendwie auch wahr. Aber nicht offen. Viele Sachen, die mich beschäftigen muss ich Ausblenden. Oder aufs Gespräch mit Personen beschränken, denen ich vertraue und mir sicher bin, dass ich mir damit keine Türen verschließe oder auch niemanden verletze. Doch wer ist wirklich offen? Wer spricht mit allen über alles? Und wieso eigentlich nicht? Wirtschaftliches Denken behaupte ich. Mikroökonomisches Denken für den persönlichen Profit in der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Wie würde ich darauf reagieren, wenn mich jemand als “Vollidiot, Spacken oder Arschloch” bezeichnen würde? Dies dann auch noch mit wahren jedoch irgendwie für meine Selbstreflexion falschen Argumenten belegen würde? Wie kritikfähig bin ich wirklich? Umgebe ich mich nicht nur mit Freunde, Menschen, Personen, die mich so reflektieren, wie ich mich auch selbst gerne sehen möchte. Ich hoffe nicht. Obwohl ich nach Anerkennung bettle. Irgendwie. Und irgendwie bekomme ich sie auch. Doch ist sie auch ehrlich? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist diese Überlegung allein schon lächerlich und zeugt von fehlendem Vertrauen oder Selbstvertrauen. Aber von Zeit zu Zeit habe ich das Gefühl, wenn ich mich selbst nicht richtig runter ziehe, dann macht es keiner. Nur dann kann mich so schnell auch niemand mehr aufrichten. Irgendwie ist aber auch unten sein ein interessantes Gefühl. Ein Gefühl zu Leben. Ganz ohne Medikamententest und Hormone. Das Plädoyer am Ende des Buches für mehr Verständnis für Frauen und die Unverträglichkeit von Medikamenten war mir dann auch ein bisschen zu flach. Ich plädiere für Verständnis gegenüber anderen und für Verständnis für deren Handeln und Aktionen. Für mehr Offenheit bezüglich der Gründe für das Handeln und Ehrlichkeit bezüglich von Kritik. Ein Plädoyer für die Vielfältigkeit und gegen die Angst vor Unsicherheit.