mozze: Wenn man in Hamburg wohnt und sich überlegt, dass Hamburg die größte Stadt Europas ist, die nicht gleichzeitig Hauptstadt eines Landes ist, dann ist es durchaus verwunderlich, dass regelmäßig Bands auf Deutschlandtournee, Hamburg außer acht lassen und die Stadt nicht mit einem Besuch beehren: NIN, Nine Inch Nails. Bleibt nur die Befolgung des alten Sprichworts. Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten. Der Prophet war in Berlin. Der Berg Simotzki, Lennart und ich. Da Einlaß ab 18 Uhr war und wir noch unsere Tickets abholen mussten, brachen wir um drei Uhr auf um pünktlich in Berlin zu sein.
simotzki: Ach Mozze, du weißt ja, ich nenne ja den Propheten lieber “Meister” – obwohl “Prophet” auch eine äußerst gute Bezeichnung für Trent Reznor ist. Mit ungehaltener Vorfreude – zumindest meinerseits, denn es war ja schließlich mein 7. Konzert von Good old Trent – bretterten wir in brütender Hitze Richtung Berlin. An der Berlin Arena angekommen bekamen wir als Pre-Sale Ticket Holder vom nin-stuff unsere Konzerttickets, welche uns Zugang zu einer kleinen Tribüne gewährten, genehmigten uns ein Bier und mischten uns unter die Gleichgesinnten…
mozze: Gleichgesinnte von wegen! Alle schwarz gekleidet oder, wenn nicht das, mit kurzer Armeehose und natürlich Springerstiefeln. Du in knallrot und ich im Anzug, dass wirkte eher wie gefangen im Flashmob. Und diese Hitze. Stickige Luft schon auf der ganzen Fahrt, im Auto ohne Klima. In Berlin nicht besser. Ein Gewitter liegt in der Luft, aber es kann sich nicht durchringen, die Konzertbesucher zu schonen, stattdessen Berlin Arena mit gefühlten 45 Grad. Mit Beginn des Konzertes, ein weiterer Temperaturanstieg. Jetzt sind es gefühlte 70 Grad. Luftfeuchtigkeit 60% Tendenz steigend…
simotzki: Ich habe mich zwischen den Schwarzgekleideten äußerst wohl gefühlt. Schließlich hat mich das an meine gute alte Jugend erinnert. Obwohl, ich muss zugeben, dass bei meinem letzten Konzert von nin in Berlin 2007 in der Columbiahalle das Publikum farbenfroher angezogen war – liegt vielleicht an den düsteren Allgemeinstimmung der aktuellen Wirtschaftskrise, mmmh. Die Hitze war echt heftig. Ich hätte mal ein Vorher-Photo machen sollen und nicht nur eins danach, wo wir aussehen als wären wir gerade mit samt unseren Klamotten unter der Dusche gestanden. Außerdem ist rot meine Farbe und rot lässt sich ausgesprochen gut mit nachtschwarz kombinieren…. und DU hast doch auch gleich Freunde gefunden in deinem Anzug, oder?
mozze: Freunde ist für die Unterhaltung dann doch etwas übertrieben. Typisches Berliner Großmaul, dass unbedingt seine Meinung verbreiten musste. Außerdem hat er weniger auf meinen Anzug als meine “Elvis”-Sonnenbrille angespielt. Da er angeblich die Gleiche hätte. Die hat er mir dann gezeigt. Die war genauso wenig Elvis, wie meine, und er genauso wenig Freund. Auf dem Konzert hat es sich dann nicht mehr ergeben, sich mit irgendjemanden zu unterhalten. Nine Inch Nails legten los und ruck-zuck war Schluss mit leise. Schlagzeug Stakkato an breiten Gitarrenriffs. Über allem der durchaus stimmgewaltige Trent Reznor. Ich kenne NIN nicht gut. Deshalb fühlte ich mich auch ein bisschen alleine unter all den Hardcore Fans, die gekonnt jedes Wort der gezeigten Kunst mitsingen, oder zumindest grölen konnten. Auch fehlt mir das Wissen hier eine detaillierte Setlist abzugeben. Aber ich nehme mal an, Simotzki, da kannst du mir zur Seite springen.
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simotzki: Pas de souci, mon ami! Ich kriege zwar die genaue Reihenfolge der Songs nicht mehr richtig hin, aber ich geb’ mein bestes. So weit ich mich erinnere fing der Spaß mit Somewhat Damaged von “The Fragile” an – aber ich leg’ dafür nicht meine Hand ins Feuer, ich war viel zu angefixt, es könnte auch der zweite oder dritte Song gewesen sein. Es folgten einige Songs von “The Downward Spiral”, wie March Of Pigs, Eraser, Piggy, Heresy, nicht zu vergessen, der geniale Klassiker Hurt, welcher 2002 erfolgreich von Johnny Cash gecovert wurde und einfach nur schön ist, viel aus der Zeit Anfang der 90er von der “Broken”-EP, wie Wish, Gave Up, Suck oder auch Burn vom “Natural Born Killers Soundtrack”, Songs von “Pretty Hate Machine” –ganz klar: Down in It, Head Like A Hole, Something I Can Never Have. Die Jungs haben relativ wenig neue Stücke gespielt, darunter unter anderem Non-Entity, welches TR erstmal bei der ReAct Show for Hurricane Katrina relief gespielt hat, Lights In The Sky, Survivalism, Metal und ein paar Songs vom “With Teeth”-Album: Home, The Hand That Feeds, You Know Who You Are und Beside You In Time. Toll war auch die phantastische Version von I’m Afraid Of Americans, welches er zusammen mit David Bowie ’96 aufgenommen hat:
Auf jeden Fall legten die Jungs total los. 2 Songs später war ich schon bis auf die Knochen durchgeschwitzt und glücklich. Den Bandmitgliedern ging es nicht anders. “It’s hot like fuck in here”, war dazu des Meisters Kommentar.
mozze: Das war dann vermutlich auch der Grund wieso die Band ohne Zugabe abgerauscht ist. Auf der anderen Seite finde ich sowas durchaus charmant. Vollgas, Schluss, Punkt! Dafür war die Konzertdauer durchaus beträchtlich. Ich habe weder vor noch nach dem Konzert auf die Uhr gesehen, aber es ging an die zwei Stunden. Das konnte man dem Publikum dann auch ansehen. Nicht nur das Lidschatten verlaufen waren. Nein, die Lidschatten waren geradezu hinweggespült. Während drinnen NIN polterten musste es draußen ein Gewitter gegeben haben. Zwecks Halle bekam ich davon nichts mit. Aber als wir aus dem Ausgang kamen hatte draußen ein sanfter Sommerregen eingesetzt, der einen zumindest in vertretbarer Zeit auf Normaltemperatur abkühlte. Zurück zum Auto, zurück nach Hamburg. Bei der Ankunft in Hamburg ist es halb drei morgens.
simotzki: Hey Moe, du bist schon beim Ausgang und ich hab’ noch gar nicht richtig losgelegt. Gönn’ mir noch ein wenig “Quality Time” mit good old Trent! Die Hitze war brütend und dennoch bekam ich regelmäßig eine Gänsehaut – so perfekt der Sound, so gewaltig die Präsenz der Band, so berauschend das Publikum. NIN war diesmal nur zu viert unterwegs – Alessandro Cortini, seines Zeichens Keyboarder, war diesmal nicht mehr mit von der Partie, dafür hat aber nach langer Abstinenz Robin Finck (Gitarrist) wieder zurück zur Band gefunden. Er und Trent Reznor sind die längsten Mitglieder der Liveband und ein perfekt eingespieltes Team. Ich habe noch nie jemanden so mit seiner Gitarre verschmelzen sehen, selbst wenn er quer über die Bühne fegt ist jeder Ton perfekt. Die Lightshow war relativ gediegen gehalten, nur mehrere Dutzend Strahler an der Decke und einige Lichtsäulen im Hintergrund ergaben das Bühnenbild. Der Fokus war diesmal definitiv auf die Musik gelenkt. Die Spannung zwischen den Songs war super ausbalanciert und die Stimmung auf beiden Seiten ausgesprochen gut und ekstatisch. Nach einigen Krachern wurde auch wieder das eine oder andere ruhigere Lied gespielt, um sowohl Band als auch Publikum eine kleine Verschnaufpause zu ermöglichen, bevor die Bassline einen wieder vom Boden fegte und die Stimme heiser wurde vom Mitsingen (oder für die weniger musikalischen Mitstreiter: Mitgrölen). Immer wieder ein absolutes Erlebnis ist der Moment wenn die ersten Takte zu Hurt angespielt werden. Es wird mucksmäuschenstill im Saal bis alle synchron zur Band mit den Lyrics einsetzen. Davon kann ich nie genug kriegen – spätestens dann verschmilzt der komplette Saal zu einer Einheit. 2 Stunden hielt das Level an, bevor die erdrückende Hitze sowohl NIN als auch die Fans in die Knie zwang. Ich verwette meine CD-Sammlung, dass es ansonsten noch mindestens ‘ne halbe Stunde weitergegangen wäre.
mozze: Ne halbe Stunde hin oder her, als ob das noch was ausgemacht hätte. Vermutlich wären dann doch noch ein paar Leute umgekippt und die Atmosphäre hätte sich einem Tokyo Hotel Konzert angepasst. Was solls. Es war ein gutes Konzert und es hat Spaß gemacht. Das Problem bin in diesem Fall auch eher ich. Durch den Druck, am nächsten Tag nach Würzburg zu fahren um dann Abends wieder in Hamburg zu sein um zu Depeche Mode zu gehen hat mich halt doch nicht tiefgenentspannen lassen. Im Nachhinein kann ich nur sagen ein Marathon. Aber dazu muss noch der Rest der Geschichte erzählt werden. Also, nachdem Simotzki und ich uns um drei Uhr morgens getrennt haben, haben wir uns nach einem vollen Arbeitstag um halb acht wieder am Bahnhof getroffen, wo erneut ein Chauffeur zur Verfügung stand, der uns in die Nordbankarena gebracht hat. Wir hatten noch etwas Zeit, so konnte erstmal noch ein kleiner Drink eingenommen und etwas gegessen werden. 12 Stunden nach NIN sprangen die Yuppie-Heroen der 80er auf die Bühne.
simotzki: Ja, du hast recht. ‘ne halbe Stunde hätte doch nicht für alle Songs gereicht, die ich noch gerne gehört hätte. Auf jeden Fall bin ich nach einem solchen Konzert immer total aufgeputscht und glücklich, obwohl ich gleichzeitig auch traurig bin, dass schon wieder alles vorbei ist – es ist halt nie genug. Das fällt mir ein schönes Zitat von Oscar Wilde ein: “Die Zigarette ist das vollendete Bild des Genusses. Sie ist köstlich und lässt dennoch unbefriedigt!” Das könnte sich auch gut auf eine Performance von NIN beziehen.
Auf jeden Fall trafen wir uns am Abend gut gelaunt und zumindest äußerlich ausgeruht (dank “Touche Éclat” – nicht umsonst eines der meistverkauftesten Kosmetikprodukte) am Hauptbahnhof und folgten dem Mob zur Nordbankarena (Stau durch DM-Fans auf der ganzen Strecke). Die Vorgruppe war nicht besonders nennenswert (haben wir eh fast komplett verpasst) aber wir konnten uns ausgesprochen gute Plätze mit freier Sicht auf die Bühne sichern. Und schon ging es los: Die Jungs von Depeche Mode enterten gut gelaunt und frenetisch gefeiert die Bühne. Auch hier wurde war man umgeben von einer äußerst loyalem Fangemeinde, die die Jungs schon seit Jahrzehnten begleiten. Die ersten Songs waren allen neueren Datums, viel vom “Master Of The Universe”-Album, welches Anfangs des Jahres raus kam.
mozze: Ob die Platte jetzt Anfang dieses Jahres herauskam oder nicht. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich außer den populären Grölsong aus Radio und TV eigentlich nichts von Depeche Mode kenne. Dennoch war es ein Heidenspaß. Ganz vorne an der Bühne, der Basse massiert das Zwerchfell und um mich herum grölen wieder alle mit. Zwischenzeitlich entschloss ich mich dazu mal ganz nach Hinten unter das Dach des Stadions zu gehen. Aus dieser Perspektive habe ich noch nie ein Konzert gesehen. Und, ich muss sagen, dennoch beeindruckend. Man erkennt die Personen auf der Bühne zwar so gut wie gar nicht, was dank der Bildschirme links und rechts nicht so wirklich schlimm ist, aber man hört den Gesang der Massen besser und hat einen schönen Überblick über die Körper und Hände, die sich im Takt der Musik bewegen.
simotzki: Auch hier kann ich wieder gut einspringen. Schließlich bin ich mit einer 10 Jahre älteren Schwester groß geworden und habe durch sie die volle Breitseite der 80er mitbekommen (Biene Maja kam samstags immer nach Formel Eins), Bravo Starschnitt mit 7 inklusive. Ich finde es immer wieder beeindruckend, welche Zeitlosigkeit in ihren Songs steckt, auch bei nine inch nails, als würden sie wie ein guter Cognac mit dem Alter reifen, um mit mehr Kraft auf’s Publikum losgelassen zu werden. Das hat man auch gemerkt. Während bei den neueren Songs die Meisten etwas unsicher im Mitsingen waren, stimmte die komplette Masse bei Songs wie Master And Servants, Enjoy The Silence, Waiting For The Night To Come, I Feel You , Waking In My Shoes, Personal Jesus, Policy Of Truth und einigen mehr mit ein und bildete eine geschlossene Einheit mit der Band. Auch die faszinierende Präsenz von Dave Gahan hat mit den Jahren nicht gelitten. Wie ein Derwisch fegte dieser über die Bühne und legte diese in Flammen.
mozze: Stimmt, die Bühnenpräsenz von Dave Gahan war wirklich gut. Wenn man bedenkt, dass er zwischenzeitlich die Tour unterbrechen musste auf Grund einer Krebserkrankung an der Blase. Er wirkte fit und so als hätte er wirklich Spaß da oben auf der Bühne. Auch Der Gitarrist in Silber (Martin Gore) wirkte gut gelaunt. Andy Fletcher hatte anscheinend einen Ruhe oder Erholungstag gebucht. Wie Balu der Bär torkelte er hinter seinen Keyboards rum und drückte unkoordiniert in unregelmäßigen Abständen Tasten. Vermutlich macht das alles der Neue Keyboarder den sie im Gepäck hatten. Mit einem wunderschönen 3D Cross auf der Brust, welche ich als Justice Homage interpretieren möchte. Ein gelungenes Konzerterlebnis. Sowohl Berlin als auch Hamburg für mich.
simotzki: Ja, es waren zwei wirklich geniale Tage, die mal wieder viel zu schnell vorbei waren – ich könnte mich daran ja echt gewöhnen. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht hüpfte ich zwischen den Massen rum, wie eine 5-jährige zu Weihnachten. Es gibt nur wenige Bands, die nach über 2 Jahrzehnten Bühnenpräsenz noch nichts an Ausstrahlung und Leidenschaft verloren haben. I have to admit: “I’m addicted.” All that’s left to say, is: “Let’s play master and servant! ‘Cause, I find, you can find happiness in slavery!
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